Frühneuzeitlicher Orienthandel und siebenbürgisch-sächsische Identitätsbildung

Die osmanischen Teppiche der evangelischen Stadtkirche A. B. in Bistritz/Bistriţa (Rumänien) im Germanischen Nationalmuseum

 

Laufzeit: Oktober 2017–September 2020
Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Schwerpunktprogramms „Transottomanica. Osteuropäisch-osmanisch-persische Mobilitätsdynamiken“

 

Frühneuzeitliche Bedeutung

Die in Anatolien hergestellten Teppiche gelangten seit der Mitte des 15. Jahrhunderts über Handelswege nach Siebenbürgen. Als ökonomisch bedeutsame Luxusgüter sind sie Zeugnisse der intensiven wirtschaftlichen Vernetzung und des Kulturtransfers zwischen dem Osmanischen Reich und dem christlichen Europa, deren Drehscheibe das zeitweise unter osmanischer Oberhoheit stehende Siebenbürgen war. Mit Hilfe der kunsthistorischen und kunsttechnologischen Untersuchung einer repräsentativen Auswahl von 20 Teppichen und der Auswertung schriftlicher Quellen wie Zollregistern gilt es, Datierungen und Herkunftsorte zu präzisieren und so Zeiträume und Routen des Handels genauer zu bestimmen.

Als Statussymbole und Geschenke waren die Teppiche Bestandteil der Repräsentationskultur des deutschen Adels und Bürgertums sowie der Zünfte in Siebenbürgen. Sie gelangten seit der Reformation meist als Stiftungen in die evangelischen Kirchen. Trotz ihrer islamischen Wurzeln, insbesondere der Gebetsteppiche, bekamen sie Funktionen in Liturgie und Zeremonien, über die bisher wenig bekannt ist. Aufschlüsse darüber werden aus Quellen wie Inventaren, Mesnerbüchern und Testamenten erwartet. Historische Inschriften und Graffiti auf den Teppichen sind ebenso zu untersuchen.

Identitätsstiftende Rolle im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Darüber hinaus beschäftigt sich das Projekt mit dem Schicksal der Teppiche im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sie erfuhren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine geringe, an ihrem heutigen Zustand ablesbare Wertschätzung durch die Gemeindemitglieder und wurden zum Teil zerschnitten und als Bankauflagen genutzt. Dennoch waren sie Bestandteil der deutschsprachigen Kultur in Siebenbürgen geworden und übernahmen eine identitätsstiftende Rolle für die Siebenbürger Sachsen, die sich im Zuge rumänischer Nationalisierungsbestrebungen im 19. Jahrhundert über ihr Geschichtsbewusstsein gegenüber den benachbarten Ethnien abzugrenzen suchten. Nachdem die Kunstgeschichte begonnen hatte, sich für Orientteppiche zu interessieren, wurden die Teppiche ab 1907 nach musealen Konzepten zum oftmals wandfüllenden Schmuck der evangelischen Kirchen. Dort waren sie ausgestellt als Zeugnisse aus Siebenbürgens durch osmanische Handelsbeziehungen geprägter wirtschaftlicher Blütezeit im 15. bis 17. Jahrhundert.

Das Projekt wird anhand der anatolischen Teppiche wichtige Aspekte des frühneuzeitlichen transosmanischen Warenaustauschs sowie der Verwendung und Bedeutung der Objekte in dem im Grenzgebiet des Osmanischen Reichs liegenden Siebenbürgen beleuchten. Erwartet werden neue Erkenntnisse über den Handel mit Teppichen selbst, die als Luxusgüter einen besonderen Stellenwert innerhalb der Warengruppen aus dem Osmanischen Reich einnahmen, sowie deren (zugeschriebene) Bedeutung und Nachnutzung in Siebenbürgen, wohin sie ein Stück osmanischer Kultur transportierten und wo sie selbst zum Bestandteil der sächsischen Kultur wurden.

 

Projektmitarbeiter

 

Dr. Anja Kregeloh (Projektleiterin, Kunsthistorikerin)
Dr. Stephanie Armer (Historikerin)
N.N. (Kunsttechnologin)

 

Wissenschaftliche Infrastruktur

Sammlung Textilien und Schmuck: Dr. Adelheid Rasche (Leitung)
Institut für Kunsttechnik und Konservierung: Oliver Mack (Leitung), Textilrestaurierung
Museums- und Kulturinformatik: Siegfried Krause (Leitung), Mark Fichtner (Wissenschaftliche Kommunikationsinfrastruktur)
Fotoarbeiten: Fotostelle des GNM
Wissenschaftsmanagement und Marketing: Dr. Andrea Langer (Leitung)

 

 

 

GNM Highlight
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