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    glanz zu Ostern

farbe, Gold und silber in der mittelalterlichen Malerei

Das Osterfest ist das älteste und höchste Fest des Christentums; auf die 40-tägige Fastenzeit folgt die 50-tägige Freudenzeit. In der Osternacht werden die Kerzen entzündet, die Altäre werden wieder geöffnet und erstrahlen im flackernden Licht in ihrer ganzen Pracht. In den Passionsszenen inszenierten die Maler Leid und Gewalt. Welche Effekte setzten sie ein, um das göttliche Licht zu feiern? Welche Bedeutung hatte Materialität? Warum war die Farbe Blau so kostbar? Strahlende Farben, Glanz von Gold und Silber sind deshalb heute unser Thema, und ich möchte Sie mitnehmen auf einen Streifzug durch unsere Sammlung.

Prof. Dr. Daniel Hess | 12.4.2020


die Kirche als abbild des himmlischen jerusalem

Nach mittelalterlichem Verständnis ist Gott der Urquell des Lichtes; alle sichtbaren Dinge verdanken ihre Existenz der Ausstrahlung des Gotteslichtes. Die Kirchen und Kathedralen des Mittelalters feiern dieses göttliche Licht mit vielen künstlerischen Effekten. Altarbilder, Skulpturenschreine und farbig bemalte Wände sowie die bunt glühenden Glasmalereien sind ein Abbild des Himmlischen Paradieses.

Kein Bau macht dies deutlicher als die Pariser Sainte-Chapelle, die mit einer nahezu vollständigen Auflösung der Wände den Inbegriff der Gotik bildet. Architektur und Ausstattung sind der kostbare Schrein für die Hauptreliquie: die Dornenkrone Christi, ein Geschenk für den französischen König 1237. Die Geschichte der Passionsreliquien erzählt eines der großen Fenster, aus dem auch das GNM ein Glasgemälde bewahrt.

Die Hauptaufgabe der Malerei lag bis zum 13. Jahrhundert nicht in der möglichst naturgetreuen Wiedergabe der Wirklichkeit, sondern in der Imitation kostbarer Materialien. Das Fragment eines bayerischen Retabels aus der Zeit um 1260 kann dies zu verdeutlichen: Die plastisch ausgestalteten Arkaden und die kostbare Fassung ahmen Werke der Goldschmiedekunst nach: Sie lassen uns an einen Reliquienschrein denken.


Materielle kostbarkeit in der mittelalterlichen malerei

Die Imitation kostbarer Effekte und Materialien lebte in der Malerei über die Zeit von Giotto fort, der um 1300 die moderne Illusionsmalerei mitbegründete. Zwar wird die Malerei immer wirklichkeitsgetreuer, doch spielen kostbare Materialien und kunstvolle Oberflächeneffekte weiterhin eine wichtige Rolle. So zeigen die Fragmente der Nürnberger Klarenwerkstatt aus der Zeit um 1360/70 eine faszinierende Vielfalt von raffinierten Dekorationstechniken.

Ihren Aufbau und ihre Alterung lernen wir dank kunsttechnologischer Untersuchungen besser einzuschätzen. In die Vergoldung sind verschiedene Motive wie Blüten, Sterne, Punkte und Dreipassformen eingeschlagen. Silberne und goldene Blattmetalle sind mit verschiedenen Farblacken überzogen, doch beeinträchtigen Verbräunungen und stumpf gewordene Überzüge die heutige Wirkung: Ursprünglich haben diese Partien im Kerzenlicht lebhaft geglitzert, geschimmert und gefunkelt.

Woran sich die Malerei inspiriert haben dürfte, macht eine etwa gleichzeitig, ebenfalls in Nürnberg entstandene Seidenstickerei deutlich. Das bestickte Leinentuch diente wohl ursprünglich als Antependium, d.h. als Altarbehang, und schmückte den Altarblock. Die Stickerei ist mit Seidenfäden ausgeführt, die sich durch große Leuchtkraft und Farbintensität auszeichnen und durch ihren schimmernden Glanz reizvolle Effekte erzeugen.

Die materielle Kostbarkeit spielte in der Malerei bis in die Zeit Dürers eine wichtige Rolle. In vielen Gemälden erblicken wir über einem Landschaftsausblick anstelle des Himmels noch immer einen Goldgrund (Auferstehung Christi, Meister von Liesborn, um 1470/80), Ehrentücher und Gewänder sind mit kostbaren Damastmustern (Christus als Schmerzensmann, um 1483/84) versehen. Auch für Details wie Rüstungen und Waffen setzen die Maler Silber und Gold in verschiedenen Techniken ein.


blaue Farbpigmente, nur mit gold aufzuwiegen

Neben Edelmetallen erfreuten sich bestimmte Malfarben höchster Wertschätzung, da die erforderlichen Pigmente selten und sehr teuer waren. Einzelne dieser Materialien, wie zum Beispiel das kostbare Ultramarin, wurden mitunter separat abgerechnet. Damit trieb Dürer den Preis für sein Altarbild für den Frankfurter Tuchgroßhändler Jakob Heller immer weiter in die Höhe. Heller wird den berühmten Maler verflucht haben, der ihm die Tafel nach mehr als zwei Jahren endlich auslieferte. Statt der ursprünglich vereinbarten 130 Gulden waren nun 200 Gulden zu bezahlen. Allein für das vermalte Ultramarin hatte Dürer 25 Gulden veranschlagt: Er beteuerte, dass er die Tafel fünf bis sechsmal mit „Guter ultramarin“ ausgemalt habe; sie werde 500 Jahre „sauber und frisch“ bleiben.
Die blauen Farbpigmente, Ultramarin und Azurit, gehörten neben Gold und Silber zu den kostbarsten Malmaterialien.

Was ist Azurit?

Azurit ist ein Kupferkarbonat und wird deshalb auch Bergblau oder Kupferblau genannt. Es wurde bereits in China und Ägypten, Griechenland und Rom als Malfarbe verwendet. Das körnige Pigment hat einen intensiven Farbton. Um ihn zur Wirkung zu bringen, verwendeten die Maler wässrige Bindemittel. Denn in Verbindung mit Öl oder Firnis verliert Azurit seine Strahlkraft. Weil viele mittelalterliche Gemälde später mit Öl eingelassen oder gefirnisst wurden, sind blaue Flächen heute oft nahezu schwarz.

 

Warum war Ultramarin so kostbar?

Noch kostbarer war das Ultramarin, das Dürer separat verrechnet hatte. Im Gegensatz zu Azurit, das auch in Europa vorkommt, musste Lapislazuli, aus dem das Ultramarinpigment hergestellt wird, aus dem Orient eingeführt werden. Das Mineral ist seit rund 5000 Jahren als Schmuckstein bekannt. Seine Aufarbeitung zu Pigment für die Malerei war und ist äußerst aufwendig: Das Mineral muss aus dem Ganggestein herausgelöst und von Verunreinigungen befreit werden. Das Gesteinspulver wird dazu mit Wachsen und Tonerden zu Pastillen vermengt, geknetet und die blauen Anteile in Wasser ausgeschwemmt – auf der Abbildung sind solche Pastillen in der Glasschale zu sehen. Der lange und gefährliche Transport über die Seidenstraße nach Europa zusammen mit dem aufwändigen und zeitintensiven Verfahren der Pigmentherstellung machten Ultramarin zu einem so teuren Farbmittel, dass es mit Gold aufgewogen wurde.


vergängliche Schönheit

Die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen: Viele Gemälde haben gelitten; Farben sind nachgedunkelt, durch Reinigungsmaßnahmen verblasst und durch Firnisse verbräunt. Aber an einzelnen Stellen wie den gold/blauen Damastmänteln des Königszugs auf dem Kalvarienberg des Meisters der Hl. Sippe aus der Zeit um 1500 verschlägt uns das Farbenspiel noch heute den Atem. Das Gold wird hier kunstvoll durch Malerei imitiert, der intensive, strahlende Blauton ist reines Ultramarin.

Selbst in Dürers Malerei, die die Wirklichkeit so authentisch wiedergab wie nur möglich, hatte der traditionelle Anspruch nach materieller Kostbarkeit in der kirchlichen Kunst überlebt. So wie die Hauptfiguren in einem mittelalterlichen Gemälde in der Regel im Bedeutungsmaßstab etwas größer wiedergegeben sind, so waren die heiligsten Personen auch durch höchsten materiellen Wert ausgezeichnet: Der Gottesmutter waren nur die besten und teuersten Materialien würdig. Deshalb ist der Marienmantel in mittelalterlichen Gemälden in aller Regel blau.

In der mittelalterlichen Malerei ist materielle Kostbarkeit niemals Selbstzweck, sondern Bedeutungsträger. Das Kostbarste gebührt dem Verehrungswürdigsten, dem Liebsten. Doch Wirkung und Bedeutung unterliegen dem zeitlichen Wandel und der Alterung. Aufgabe der Museen ist es, Vergangenheit und Gegenwart unseres kulturellen Erbes zu erklären und den Reichtum zu entdecken und zu bewahren, der mit aktuellen materiellen Werten nicht aufzuwiegen ist. Begleiten Sie uns dabei - wir machen Ihnen Unsichtbares sichtbar!