Erotik und Verführung

Prof. Dr. Daniel Hess | 23.05.2020


Mehr Zeit für Erotik und Verführung: Von Weibermacht und Liebesnarren

Im Frühjahr 1348 fliehen sieben Frauen und drei Männer vor der Pest in Florenz nach Fiesolo. Dort erzählen sie sich zur Unterhaltung jeden Tag zehn Geschichten: So schildert es Giovanni Boccacio in seinem Decamerone. Die Themen umfassen das ganze damalige Leben, auch Erotik und Sinnesgenuss kommen nicht zu kurz. Höchste Zeit für einen entsprechenden Streifzug im GNM zu Corona-Zeiten. Was macht Gemälde mit der Göttin der Liebe so verführerisch? Wer erliegt der hüllenlosen Schönheit? Wie sind solche Bilder in unserem Zeitalter der Hypermoral und Political Correctness zu verstehen?

 


Weiberlist und Tugendstärke

Die Frau war im Mittelalter durch die Kirche auf die Rolle der großen Verführerin festgelegt worden. Demnach war sie mit Verweis auf Eva nicht nur Trägerin der Erbschuld, sondern auch die Versucherin, die den Mann vom Pfad der Tugend abbringt. Auf dieser Überzeugung basiert der Themenkreis der Weibermacht, die im Kontext der höfischen Dichtung und mittelalterlichen Tugenddarstellung eine zentrale Rolle spielte.

Herausragende Männer aus Antike und Altem Testament lassen sich von listigen Frauen verführen und werden zu Liebesnarren. So erniedrigt sich der antike Philosoph Aristoteles zum Reittier von Phyllis, die sich dafür rächt, dass der Philosoph ihrem Mann eine zu große Liebe zu ihr vorgeworfen hatte. Nicht besser ergeht es Samson, der sich von seiner Geliebten Delila bezirzen lässt und mit der Haarpracht auch seine herkulische Kraft verliert.


Bedrohliche Nacktheit bei Hans Baldung Grien

Ein weiteres prominentes Beispiel im Reigen der Frauenmacht ist die Geschichte der alttestamentlichen Heldin Judith: Die jüdische Witwe rettet die Stadt Betulia in Judäa aus der Gefangenschaft, indem sie den Oberbefehlshaber des babylonischen Heeres, Holfernes, im Feldlager überwältigt. Sie beeindruckt nicht nur durch ihre Schönheit, sondern auch durch ihre klugen Reden, betört den Feldherrn, macht ihn betrunken und enthauptet ihn. Der Straßburger Maler Hans Baldung Grien, in dessen Werk Erotik und Verführungskraft in unterschiedlicher Dezenz eine zentrale Rolle spielen, setzt andere Akzente: Er zeigt die Heldin in aggressiver, bedrohlicher Nacktheit mit Dolch und blutendem Haupt. Zur Bildfolge gehörten zwei Tafeln mit Adam und Eva sowie eine Tafel mit Venus, der Göttin der Liebe.


Cranachs Verführungsbilder

Darstellungen von Venus und Amor gehörten zu den erfolgreichsten Produkten der Werkstatt Lucas Cranachs d.Ä. In unserer Sammlung befinden sich zwei Varianten (Venus mit Amor als Honigdieb, um 1537; Venus mit Amor als Honigdieb, nach 1537). Die Göttin der Schönheit erscheint als grazile Kindfrau mit makellos weißer Haut. Der dünne Schleier, der ihren Körper umspielt, enthüllt mehr, als er verbirgt. Fast scheint es, als wäre Cranach bei seinen Venusbildern mit sich selbst in Wettstreit getreten: Jede Venus will schöner und verführerischer sein als die andere. An ihrer Seite erblicken wir Amor, der in der antiken Mythologie die Aufgabe hat, mit seinen Pfeilen jene unwiderstehliche Liebe zu wecken, von der es heißt, dass sie alles besiege.

Auf unseren beiden Bildern wendet er sich klagend an seine Mutter. Er sei von einer Biene gestochen worden, als er ihren Honig raubte. Dies besagt die Inschrift, die moralisierend fortfährt: In gleicher Weise verletze uns die kurze, vergängliche Wollust; auch sie sei mit herbem Schmerz verbunden. Deutlicher könnte die Mahnung nicht sein, uns nicht auf die kurzen Freuden der Lust einzulassen.


Der Betrachter als Voyeur


Die moralisierende Inschrift appelliert an die Tugend, während das Gemälde mit viel nackter Haut und Koketterie alle Mittel der Verführung ins Feld führt. Der auffordernde, direkte Blick der Liebesgöttin betört den Betrachter: Venus wird zum Sinnbild des Gemäldes selbst, das mittels Schönheit, Illusionskraft und Erotik gefangen nimmt. Die Kunst thematisiert ihre eigene Verführungskraft; durch die Blicke der Protagonistinnen und andere Kunstgriffe wird der Betrachter als Voyeur entlarvt.


Kunst um der Kunst willen

Im religiösen Kontext gefährdeten das Bild und seine Verführungskraft den Stellenwert des Wortes; die Kritik am Bild hatte bereits vor der Reformation und dem Bildersturm eingesetzt. Die Kunst aber ließ sich nicht auf didaktische Lehrbilder reduzieren, sondern trat in Dialog mit dem Betrachter, forderte ihn heraus. Neue Merkmale der Malerei am Übergang von der Renaissance zum Barock waren spielerische Subjektivität, der Bruch mit Kanon und Norm, formale Eleganz und höchste Virtuosität. Ihre Wirkung sollte nicht auf die Illusion beschränkt bleiben, Ziel war vielmehr die Emanzipation der Kunst aus ihrer dienenden Funktion. Nicht mehr das handwerklich Elaborierte oder das der Natur Abgeschaute und Imitierende galten als Kennzeichen eines Kunstwerks, sondern die künstlerische Imagination und Improvisation. In der Kunstgeschichte wird diese Bewegung Manierismus genannt.

Eines der schönsten Beispiele unserer Sammlung ist Amors Abschied von Psyche von Joseph Heintz, gemalt kurz nach 1603: ein kompliziert verdrehter Körper und virtuoser Rückenakt, perlmuttschimmernde Haut, flackerndes Licht und tändelndes Liebesspiel auf drei Ebenen.

Jede Nacht besucht der Liebesgott Amor die Königstochter Psyche, die ihn aber nicht sehen darf. Sie kann ihre Neugierde schließlich nicht mehr bezwingen und entzündet eines Nachts eine Lampe. Wie Amor im flackernden Licht kurz sichtbar wird und entflieht, ist meisterhaft inszeniert. Das erotische Knistern zwischen den Liebenden umspielen die beiden Tauben und die Amoretten. Einer der Knaben blickt direkt zum Betrachter und bezieht ihn damit ins Geschehen mit ein. Das Gemälde ist in Formgebung, Farbigkeit und Lichtführung ein Virtuosenstück und markiert seine Bedeutung auch durch das lebensgroße Format.

Kunstwerke wie die hier vorgestellten sind Meisterwerke der Erotik, im Hinblick auf ihr jeweiliges literarisches Thema aber immer auch ein facettenreiches intellektuelles Spiel: Die bildende Kunst gibt den Impuls zur Konversation, zum gelehrten Gespräch und zu erotischen Andeutungen. Wer die Geschichten kennt, weiß die künstlerisch jeweils spezifische Umsetzung zu würdigen. Zwar stehen die Darstellungen weiterhin in der Tradition der spätmittelalterlichen, moralisierenden „Weibermacht“ und ermahnen zu tugendhaftem Leben. Doch feiern sie gleichzeitig das, wovor sie uns warnen: Schönheit, Sinnlichkeit und Anmut. Damit thematisiert sich die Kunst selbst und bringt ihre eigene Illusions- und Verführungskraft zum Ausdruck. Das Bild steht nicht mehr als Illustrationsmittel im Dienst der Andachts- und Imaginationspraxis, sondern definiert sich selbst als „Kunst“.


Kategorie: Kolumne |

Schlagworte: Mittelalter | Lucas Cranach | Manierismus |

Prof. Dr. Daniel Hess, Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums

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Kommentare

24.05.2020 | Jeannette Stein

Meisterhaft! | GNM_BLOG ANTWORTET: Danke für das Kompliment!


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