Grenzen überwinden

Grenzen überwinden

Prof. Dr. Daniel Hess | 13.06.2020


ein Plädoyer für die Kulturgeschichte


Die Corona-Krise wirft uns zurück in alte, überholte Denkmuster: Die Infektions- und Todeszahlen wurden national verrechnet, selbst die Hamsterkäufe folgten einem nationalen Klischee. Mit Corona lebt ein in unserem historischen Gedächtnis tief verankerter Krisenmodus auf, in dem Nationalgrenzen vermeintlich Sicherheit verheißen, in dem sich Verschwörungstheorien breitmachen und wie in Zeiten von Pest, Typhus und Cholera nach Schuldigen gesucht wird. Neben dem ökonomischen stellt sich zusehends auch ein kultureller Schaden ein, dem unser weiteres Leben mit dem Virus unterworfen sein wird.

Der letzte Beitrag meines Corona-Decamerone ist deshalb ein Plädoyer für die Kulturgeschichte: ein Plädoyer für das historische Erfahrungswissen und die Überwindung von Grenzen und Abschottung, ein Plädoyer für kulturelle Diversität. Geschichte ist Bewegung und bedeutet Überwindung von Grenzen: Die Migration von Menschen und Ideen gehört seit jeher zum menschlichen Erfahrungshorizont, woran auch die im 11. Jahrtausend v. Chr. entwickelte Lebensform der Sesshaftigkeit nichts zu ändern vermochte. Die europäische Kultur beruht auf dem Austausch von Wissen, Kulturtechniken und Gütern, d.h. auf der Begegnung von Menschen aus den verschiedensten Kulturkreisen.

Das GNM, dessen Gründungsgedanke auf der Überzeugung einer ethnischen Identität des „Deutschsprachigen“ beruht, bewahrt viele Zeugnisse, die über weite geographische Räume gespannte Verbindungen deutlich werden lassen. Sie dokumentieren die wechselseitigen Einflüsse von antiker, byzantinischer, arabischer, nordeuropäischer und asiatischer Kultur. Anhand dieser Objekte lässt sich europäische Kulturgeschichte neu erzählen und begreifen.


Die Adlerfibel und die spätantike Migrationskultur

Eines der prominentesten, frühen Stücke ist die Adlerfibel aus dem Schatz von Domagnano, die über viele Jahrzehnte als Markenzeichen des GNM diente. Sie entstand im unmittelbaren Umfeld des ostgotischen Herrschers Theoderich, der in Ravenna seine Residenz errichtet hatte. In der deutschen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts wurden Goten, Germanen und Deutsche zum Synonym; Theoderich galt als germanischer „Volkskönig“. Die Adlerfibel verkörpert diese „germanische“ Tradition ebenso wie das Kulturerbe des spätantiken Mittelmeerraums. Sie wird damit zum Symbol einer europäischen Migrationskultur nach dem Zerfall des römischen Reichs.


Eine Sammlung spätantiker und frühislamischer Textilien

Spätantike Migrationskultur verkörpern auch die in Ägypten aufgefundenen sog. koptischen Textilien, die zwischen dem 4. und 9. Jahrhundert entstanden sind. Sie wurden zu einem Kronzeugen für die um 1900 viel diskutierte Idee, dass die früheste christliche Kultur neben ihrer Wiege in Rom auch byzantinisch-orientalische Wurzeln hat. Die spätantiken, frühislamischen Textilfragmente belegen zudem eine kulturelle Kontinuität, die nicht nur die Teilung des römischen Reiches im Jahr 395, sondern auch die islamische Eroberung Ägyptens 641 schadlos überstanden hat.

So vermittelte die häufig dargestellte Josephsgeschichte aus dem Alten Testament nicht nur christliche, sondern auch islamische Identität, gilt Yusuf doch als einer der Propheten im Islam.


Arabisches Wissen für Europa

Durch den Zusammenbruch des römischen Reichs, die Kirchenspaltung des Frühchristentums und die feindliche Einstellung gegenüber den Naturwissenschaften waren im Westen viele Kenntnisse der Antike verlorengegangen. Ohne das kulturelle Erbe des Islam, das sich vom 8. bis zum 15. Jahrhundert von Spanien aus auch in das restliche Europa verbreitete, wären uns nicht nur große Teile der antiken Schriftkultur, sondern auch fundamentale mathematische und astronomische Errungenschaften verborgen geblieben. Kein Objekt verkörpert diesen Einfluss deutlicher als das 1079/80 im damals islamischen Saragossa entstandene Astrolab. Das wohl in der Spätantike erfundene astronomische Instrument gibt das Himmelsgewölbe zweidimensional wieder und diente für verschiedene Vermessungen sowie zur Zeitbestimmung. Als Gegenstände der Gelehrsamkeit wurden die repräsentativen Geräte bereits im Mittelalter gesammelt. Übrigens gaben Abaelard und Heloise, eines der berühmtesten und tragischsten Liebespaare der europäischen Geschichte, ihrem illegitimen Kind den Namen „Astralabius“. Dies war im 12. Jahrhundert nicht nur Ausdruck der Begeisterung für alles Islamische, sondern auch ein Bekenntnis zu den damals modernsten wissenschaftlichen Instrumenten.


Chinesische Träume in Europa

Nach den Arabern weckte China seit dem 13. Jahrhundert das wachsende Interesse Europas. Die Chinesen wussten um die europäische Gier nach Luxusprodukten wie Seide und Porzellan. Sie brachten diese so gewinnbringend auf die europäischen Märkte, dass man sich dort zusehends Sorgen über den fortschreitenden Devisenabfluss an Silber nach China machte. Man setzte deshalb alles daran, Seide und Porzellan selber herzustellen.
Die faszinierende Geschichte des Porzellans erzählt der englische Porzellankünstler Edmund de Waal in seinem Buch Die weiße Straße.

Als europäischer Erfinder gilt Johann Friedrich Böttger, in dessen unmittelbarem Umkreis in Meißen auch die Figur eines breit lachenden Arhat, chinesisch Luohan, entstanden ist. Diese zumeist in Gruppen von sechzehn bzw. 500 auftretenden, in Mönchstracht gekleideten buddhistischen Ehrwürdigen verblieben nach dem Tod Buddhas physisch in der Welt und sorgten für die korrekte Verbreitung seiner Lehre. Sie dienten als Tempelbeschützer und verkörperten die Stärken, in ihrer emotionalen mimischen Überzeichnung aber auch die Schwächen des Mönchtums.

Unser Luohan illustriert nicht nur die große Faszination der buddhistischen Kultur, mit Teekanne, Koppchen und Untertasse sowie Spülkumme steht er auch für die Europa damals erobernde Teekultur. Diese hat ihren Ursprung in China: Nach der Legende soll sich der Zen-Patriarch Bodhidharma, der den Buddhismus nach China brachte, die Augenlider abgeschnitten haben, da sie ihm beim Meditieren immer wieder zugefallen waren. Aus den Augenlidern wuchsen die ersten Teesträucher, und Tee wurde zu einem wichtigen Kulturträger, später auch zu einem weltweit begehrten Exportartikel Chinas.


Kultur als stabilste Währung

Als „weißes Gold“ war auch Porzellan nicht nur Kulturgut, sondern immer auch eine profitable Handelsware. 1713 wurde auf der Leipziger Ostermesse neben dem roten Böttgersteinzeug erstmals auch das weiße Porzellan aus Meißen angeboten. Unter den Objekten befanden sich zudem die unserem Luohan beigegebenen Teegefäße, die den Buddha-Nachfolger zu einem Werbeträger für die neuen, modischen Luxusprodukte werden ließen. Das Porzellanfieber erfasste nicht nur den sächsischen Kurfürsten August den Starken, noch im 20. Jahrhundert diente das „weiße Gold“ in Krisenzeiten als Zahlungsersatzmittel.

Der Blick in die Kulturgeschichte ist nicht nur ein Gang in die Vergangenheit, er öffnet auch neue Perspektiven und Zugänge für das Verständnis der Gegenwart. Denn historische Fragestellungen entwickeln sich immer in der Gegenwart, und das Vergangene lässt sich nur in seinem Bezug zur Gegenwart verstehen. So bleiben Wissen und Kultur auch in Krisenzeiten die stabilsten Währungen.

Der lachende Mönch und die chinesisch-europäische Porzellankultur sind Bestandteile eines Hauptseminar-Projekts an der Friedrich-Alexander-Universität, das im Rahmen unseres kreativen Ausstellungs-Zwischenspiels ab Juli 2020 im GNM zu sehen sein wird.


Kategorie: Kolumne |

Schlagworte: Kulturgeschichte | 21. Jahrhundert | Porzellan | Textilien |

Prof. Dr. Daniel Hess, Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums

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Kommentare

25.06.2020 | Bess, Irmela

Schon länger streiche ich um das Buch "die Weise Strase herum", Sie haben mir zu einem hochspannenden Lesestoff verholfen, danke! | GNM_BLOG ANTWORTET: Viel Spaß beim Lesen!


19.06.2020 | Klaus-Dieter Lehmann

Gerade jetzt, in einer Zeit der gegenseitigen Abschottung, des Erstarkens von Ressentiments und Klischees, ist es gut, den Blick zu weiten, geographisch und zeitlich. Kultur als ein grenzüberschreitendes Netzwerk, das ist die Botschaft | GNM_BLOG ANTWORTET: Danke für Ihr Feedback und empfehlen Sie das Blog gerne weiter!


16.06.2020 | Bess, Irmela

Erfreulich solche Zusammenhänge zu lesen, wissenserweiternd und gibt doch zugleich dem Bewusstsein in einer sich in Angst einengenden Welt einen Impuls für Diskussionen. Hervorragend, danke! | GNM_BLOG ANTWORTET: Herzlichen DANK für Ihr Feedback!


13.06.2020 | Wolfgang Castell

Die bunte Vielfalt der Themen, unterschiedliche Verfasser .... eine große Freude. Wäre schön, wenn die Reihe fortgesetzt wird. | GNM_BLOG ANTWORTET: Lieber Graf Castell, wir freuen uns, dass Ihnen unser Blog gefällt. Selbstverständlich werden wir weiterhin bloggen und unsere Leser/-innen hoffentlich genauso erfreuen wie Sie.


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