Helm als Gesichtsschutz

Helm als Gesichtsschutz

Dr. Fabian Brenker | 14.05.2020


der helm als gesichtsschutz - schon für ritter keine einfache sache


Gesichtsschutz: die plötzliche Einsicht der Ritter

Im 11. Jahrhundert setzte sich der Kampf mit eingelegter Lanze durch und machte einen Stichschutz vor dem Gesicht notwendig. Erstmals schützten Ritter ab dem späten 12. Jahrhundert ihr Gesicht hinter einem zusätzlichen Blech. Weil dieses wie ein Bart von einem Ohr zum anderen lief, nannte man diesen Gesichtsschutz im Mittelhochdeutschen ‚barbiere‘. Er verbreitete sich rasend schnell! Auf Reitersiegeln lässt sich erkennen, dass er binnen etwa eines Jahrzehnts in ganz Europa zu finden war.


Plattner: ein neuer Berufszweig entsteht


Aus diesen Anfängen entwickelte sich im Laufe des 13. Jahrhunderts der rundum geschlossene Helm. In dieser passgenauen Form saß er so gut, dass er nicht mehr wie die frühen Formen mit einem Kinnriemen eng festgeknotet werden musste. Der Tragekomfort stieg deutlich. Doch wer konnte die steigende Nachfrage bedienen? Für die Schmiede waren diese passgenauen, gehärteten und vernieteten Stahlplatten eine Herausforderung. So entstand bald ein eigener Berufszweig: die sogenannten Plattner, welche aus massivem Eisen Platten schlugen. Ein solcher Plattner des frühen 15. Jahrhunderts ist in der Handschrift der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung zu sehen.


Trotz Maske erkennbar bleiben: Wappen und Turniere

Mit dem neuen Helm war nun das Gesicht des Trägers nicht mehr erkennbar. Bis heute wird darauf die ‚Erfindung‘ der Wappen zurückgeführt. War das wirklich der Grund, warum zu dieser Zeit die Wappen aufkamen? Wohl nicht. Vom Gesicht war schon davor, als Helme mit Naseneisen und Ringpanzer vor dem Kinn getragen wurden, wenig zu sehen. Um jemanden auf dem Schlachtfeld zu erkennen, hätte man ihn schon zuvor gesehen haben müssen – und zudem recht scharfe Augen gebraucht. Die Wappen waren zunächst eher Schmuck und kein persönliches Symbol. Der Großteil des Kriegsvolks trug keine heraldischen Merkmale. Im Krieg galt wohl schlicht, wer sich gegen mich richtet, ist mein Feind. Anders war dies bei sportlichen Auseinandersetzungen wie den ebenfalls um 1200 aufkommenden Lanzenspielen, der sogenannten Tjost. Wenn hier zwei geschmückte Reiter miteinander kämpften, lohnte es sich allemal, die beiden Kämpfer für das Publikum erkennbar zu machen. So konnte Ruhm und Ehre verdient werden.


Fehlende Distanz: Risiken und Nebenwirkungen

Als wirksamer Schutz erwiesen sich diese Helme vor allem beim Angriff der Reiter mit der Lanze. Entsprechend blieb der Helm auch auf die Ritter beschränkt. Fußsoldaten und berittene Hilfstruppen trugen erst ab dem 15. Jahrhundert einen Gesichtsschutz. Ein Helm vor dem Gesicht verschlechterte Atmung und Sicht, war beim Trinken, Sprechen, Hören und bei großer Hitze hinderlich. Daran änderten auch Atemlöcher und Sehschlitze im Helm nur wenig. Zum Nahkampf mit Schwert und Dolch nahmen die Reiter ihren Helm ab. Über eine Rüstkette, welche man in das kleine Kreuz am unteren Rand des Helms einhängen konnte, war dem Helm fest mit dem Ritter verbunden. Erst die sogenannte Beckenhaube, ein weiterer, halbkugeliger Helm unter dem großen Helm, schützte den Reiter dann auch im Nahkampf gegen Hiebe.


Visier: Schutz für jede Situation

Eine weitere Verbesserung kam im Laufe der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Ein abnehmbares Visier direkt an der Beckenhaube ermöglichte dem Ritter, schnell zwischen offenem und geschütztem Gesicht zu wechseln. Diese Visiere hatten anfangs eine gewölbte Form, wurden im Lauf der Zeit jedoch immer spitzer. Die Atemlöcher beschränkten sich auf die rechte Seite, damit die gegnerische Lanze auf der linken Seite gut abgleiten konnte. Mit einem Scharnier auf der Stirn oder zwei seitlichen Drehbolzen konnte das Visier erst unmittelbar vor dem Anritt heruntergeklappt werden und im Nahkampf gelöst und abgeworfen werden. Ein angehängter Kragen aus Ringpanzer schützte Hals und Kinn.


Der Schaller: separater Schutz für Mund und Augen

In Deutschland setzte man auf den Brustpanzer einen immer höheren Kragen, den bereits vorgestellten Bart (siehe Titelbild). Dieser bedeckte bald auch Hals, Kinn und Mund. Ab dem zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts wurde er mit einem neuen Helmtyp kombiniert, der sogenannten Schaller. Dieser halbkugelige Helm mit hinten heruntergezogenem Nackenblech hatte ein kurzes Visier oder auch nur einen Sehschlitz und bedeckte das Gesicht bis hinab zur Nase. Spätestens ab den 1480er Jahren konnte man dessen obere Hälfte zum Trinken und Sprechen herunterklappen. Im ausgehenden 15. Jahrhundert wurden Visiere bis zum Kinn verlängert – ein zusätzlicher Bart war somit überflüssig.


Stechhelm: mehr Sicherheit beim Spiel

Die Rüstung für die Feldschlacht war stets ein Kompromiss. Zu viel Schutz schränkte die Beweglichkeit ein, die im Kampf auf Leben und Tod in vielen Fällen wichtiger war als eine stabile Panzerung. Gänzlich andere Bedingungen galten im den zunehmend klaren Regeln folgenden Reiterspielen. Beim beliebten Stechen etwa ritten zwei Reiter mit eingelegter Lanze gegeneinander an. Zum Schutz des Gegners waren die Lanzen abgestumpft und mit einem sogenannten Kröning versehen. Da der Angriff nur von vorne kam, reichte ein Schutz für die Vorderseite des Körpers. Besonders dicke Bleche von bis zu 9mm senkten das Verletzungsrisiko. Im Krieg hingegen vertraute man oft auf nicht viel mehr als 1mm! In diesem speziellen Stechhelm verzichtete man auf Atemlöcher und formte die Vorderseite wie einen Schiffsbug, damit die Lanzen gut abgleiten konnten. Der Kopf selbst steckte in einer gepolsterten Leinenkappe, welche über Bänder mittig in den großen Helm gespannt war, damit er durch keinen Stoß an den mit der Brustplatte verschraubten Helm anschlagen konnte.


Gesichtsschutz: Teil der Identität

Da neben den Adeligen auch Bürger derartige Stechen veranstalteten, schmückten sie ihre Wappen mit solchen Helmen. Die Adeligen trugen den kugeligen, mit einem Gitter vor dem Gesicht versehenen Kolbenturnierhelm, die Bürger dagegen den Stechhelm. Selbstbewusst präsentierten sie ihn bei jeder Gelegenheit - an ihren Totenschilden auch über den Tod hinaus.

Schon im späten Mittelalter war der Gesichtsschutz nicht jedermanns Sache. Denn städtische Ordnungen verpflichteten die Bürger dazu, auf eigene Kosten Körperpanzerung und Helme bereitzuhalten, um im Kriegsfall die Stadt verteidigen zu können.


Kategorie: Perspektiven |

Schlagworte: Mittelalter | Waffen |

Dr. Fabian Brenker, Wissenschaftlicher Volontär am GNM

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