Impf-Motivation aus Metall

Impf-Motivation aus Metall

Dr. Barbara Leven | 26.03.2021


Seit dem 27. Dezember 2020 impft Deutschland gegen das Corona-Virus. Diskutiert wird seither über die richtige Impfstrategie, die Wirksamkeit und Risiken der Impfstoffe und die Impfwilligkeit und -unwilligkeit der Bevölkerung. Der Kampf gegen hochansteckende Krankheiten durch Impfung und die Debatten darüber sind zwar gerade brandaktuell – aber eigentlich schon sehr viel älter. Erstmals großflächig zum Einsatz gekommen ist ein Impfstoff im 19. Jahrhundert zur Bekämpfung der Pocken. Bis zur Einführung des Reichsimpfgesetzes 1874 ließen sich Landesregierungen und Ärzte einiges einfallen, um die Bevölkerung zum Impfen zu motivieren.
 

Pocken, auch Blattern oder Variola genannt, existierten seit Jahrhunderten fortwährend und weltweit (Pest und Heilige - ein weiterer Beitrag in unserem Blog). Immer wieder kam es zu fatalen Ausbrüchen mit vielen Toten. Auf dem Gebiet des späteren Deutschen Reichs wüteten seit den 1780er Jahren mehrere Pockenepidemien besonders heftig. Nach Schätzungen forderten sie jährlich mehr als 60.000 Todesopfer – das ist in etwa die heutige Einwohnerzahl von Neu-Ulm. Besonders häufig waren Kinder betroffen.

Mediziner beschreiben den Krankheitsverlauf der Pocken so: Bei Beginn der Erkrankung kommt es zu hohem Fieber mit schwerem Krankheitsgefühl. Nach wenigen Tagen entstehen die typischen Hauterscheinungen am gesamten Körper: Erst kleine rötliche Flecken, die sich zu Knötchen und dann zu Bläschen entwickeln. Diese sind mit einer klaren Gewebeflüssigkeit voller Viruspartikel (Lymphe) gefüllt und wandeln sich zu eitrigen Pusteln.

Wachsmoulagen machen das Krankheitsbild besonders eindrücklich. Sie wurden seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als anschauliches medizinisches Lehr- und Studienmittel eingesetzt. Bei der Herstellung formten Mouleurinnen und Mouleure die betroffene Körperstelle mit Gips ab. Das Gipsnegativ gossen sie mit Wachs aus und gestalteten danach realitätsnah das dabei entstandene Wachspositiv. Es wurde im Hautton eingefärbt, mit Farbe nachbearbeitet, und auch Haare wurden eingesetzt.

Bei einem unkomplizierten Krankheitsverlauf trocknen die Pockenpusteln ein und heilen narbig ab. Bei schweren Fällen können Augen und Gehirn betroffen sein, und die Krankheit kann zu Blindheit und Hirnschäden führen. Oft jedoch verläuft sie tödlich.

Um der Pocken Herr zu werden, war es außerhalb Europas schon länger üblich, infektiöses Material aus Pockenpusteln erkrankter Menschen in gesunde Körper einzubringen. Durch die „Variolation“ sollte eine mildere Form der Erkrankung ausgelöst werden, die vor einer tödlichen Infektion bewahrte. In Europa wurde die Methode erst Anfang des 18. Jahrhunderts bekannt. Vor allem Lady Mary Wortley Montagu (1689-1762), die Frau des englischen Botschafters in Konstantinopel, warb intensiv für diese Impfmethode. Doch das Vorgehen wurde mit Skepsis betrachtet. Die Angst, schwer zu erkranken, war groß. Außerdem fürchtete man immer, eine Epidemie auszulösen.


Der Impfstoff von der Kuh

Schon im 18. Jahrhundert fiel einigen Landwirten und Landärzten auf, dass Personen, die mit Kuhpocken infiziert worden waren, von den todbringenden Pocken verschont blieben.

Der britische Landarzt Edward Jenner (1749-1823) unternahm basierend auf diesem Wissen gezielte Versuche. Er impfte den achtjährigen Gärtnerjungen James Phipps (1788-1853) und andere Kinder, darunter seinen eigenen Sohn, auf diese Weise. Die Ergebnisse veröffentlichte er 1798 unter dem Titel „An Inquiry into the Causes and Effects of Variolae Vaccinae“. Die Schrift verbreitete sich schnell bei Ärzten auf dem europäischen Festland, und sie erprobten die neue Impfmethode.

Die sogenannte Vakzination und auch der heute viel genutzte Begriff Vakzin für Impfstoff leitet sich übrigens vom lateinischen „vaccinus“, also: „von Kühen stammend“, ab. Zahlreiche Landesfürsten unterstützten aufgrund der allerorts vermeldeten Erfolge die Kuhpocken-Impfung. Die Impfstrategien waren jedoch in den deutschen Staaten unterschiedlich.

Weil erst 1874 ein grundlegendes Impfgesetz für das gesamte Deutsche Reich eingeführt wurde, bemühten sich zuvor Landesfürsten und Ärzte, die Bevölkerung über verschiedene Anreize zum Impfen zu motivieren. Der bayerische Monarch Maximilian Joseph I. (1756-1825) ging „seinem Volke zur Aufmunterung“ voran. Er ließ 1802 seine acht Monate alten Zwillingstöchter Elisabeth Ludovica (1801-1873) und Amalie Auguste (1801-1877) und seinen Sohn Max (1800-1803) impfen. Als Impfstoff diente Lymphe, die aus der Pockenpustel eines mit Kuhpocken infizierten Kindes des Hofkochs gewonnen wurde.


Prämien in Medaillenform

In Berlin, wo man ab 1799 zu impfen begann, vergab man Medaillen an Kinder und deren Eltern, die sich freiwillig impfen ließen und zur Nachkontrolle kamen. Hergestellt wurden die Impfmedaillen in der Hauptmünzprägeanstalt von Daniel Friedrich Loos (1735-1819), dem späteren königlich-preußischen Hofmedailleur. In unserem Münzkabinett finden sich zwei Varianten von derlei Impfprämien in Medaillenform.

Eine Medaille ist aus Eisen und zeigt auf der einen Seite Edward Jenner, den „Entdecker der Schutzimpfung“ im Brustbild. Auf der anderen Seite umtanzen Kinder eine Kuh, die von einem Engel mit Blumengirlanden geschmückt wird. Die Inschrift lautet „EHRE SEY GOTT IN DER HÖHE UND FREUDE AUF ERDEN“. Dabei handelt es sich wohl um die Abwandlung einer Textstelle aus dem Evangelium nach Lukas, wo es heißt: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden“ (Lk 2,14).

Eisenmedaille auf Edward Jenner, um 1800; Hersteller: Daniel Friedrich Loos (GNM, Med5063, Foto: Carolin Merz), Vorderseite: Porträt Edward Jenners

Rückseite: Kinder umtanzen eine Kuh

Die zweite Medaille aus Silber stammt aus dem Jahr 1811 und verweist auf das Berliner Impfinstitut von Dr. J.E. Bremer. Dieser war einer der ersten Impfärzte der Stadt. Er richtete dort außerdem eine Impfschule ein, in der Berliner Ärzte in der praktischen Impftechnik unterwiesen wurden.

Die Inschrift auf der einen Seite lautet: „ZUM ANDENKEN AN ERHALTENEN UND MITGETHEILTEN SCHUTZ / GEREICHT VOM DOCTOR BREMER IN BERLIN / 1811“. Auf der anderen Seite der Medaille zeigt ein Kind auf seine Impfnarben am Oberarm. Eine Rose in der Hand und das Füllhorn am Boden symbolisieren das gewonnene Leben. Die Inschrift darüber lautet: „EDUARD JENNER’S WOHLTHÄTIGE ENTDECKUNG VOM 14. MAI 1796“.

Vakzinationsprämie des ersten preußischen Impfinstituts von Hofrat und Arzt Dr. J.E. Bremer; Hersteller: Daniel Friedrich Loos, Silber 1811 (GNM, Med5255, Foto: Carolin Merz)

Auch besonders engagierte Impfärzte wurden damals ausgezeichnet: Neben Prämiengeldern erhielten sie ebenfalls Medaillen. Zwei große Staatsmedaillen aus Silber, die der preußische König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) verliehen hat, befinden sich in unserem Münzkabinett.

Staatsmedaille für verdiente Impfärzte aus Silber, 1805-1825;  Entwurf/Hersteller: Abraham Abramson (GNM, Med1045, Foto: Carolin Merz), Vorderseite: Brustbild des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. in Staatsuniform

Rückseite: Hygieia entsteigt auf einer Kuh dem Meer


Gold für den königlichen Leibarzt

Eine Medaille zeigt ein nach rechts gerichtetes Brustbild des Königs in Staatsuniform mit Kordon und Kleinod des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler, dem preußischen Hausorden. Die lateinische Inschrift über dem Bildnis „FRID. WILHELMVS III BORVSS REX PATER PATRIAE“ heißt übersetzt „Friedrich Wilhelm III. König Preußens Vater des Vaterlandes“. Sie unterstreicht die Inszenierung Friedrich Wilhelms III. als schützenden Landesvater. Am unteren Rand ist die Signatur des Herstellers zu lesen.

Es handelt sich dabei um den bedeutenden jüdischen Medailleur der königlichen Münze, Abraham Abramson (1754-1811). Die Rückseite der Medaille zeigt die Personifikation der Gesundheit, die Göttin Hygieia, mit ihrem Attribut, einer aus einer Schale trinkenden Schlange. Sitzend auf einer Kuh mit pockigem Euter entsteigt sie dem Meer. Ob die Ähnlichkeit mit der Darstellung von Europa auf dem Stier gewollt war?

Über der Szene ist der Schriftzug zu lesen: „IN TE SVPREMA SALVS“, auf Deutsch: „In dir ist höchstes Heil“. Die lateinische Sentenz findet sich auch im Epos „Aeneis“ (XII, 650) des Dichters Vergil (70–19 v. Chr.) und kann auch übersetzt werden mit „Bei dir liegt unsere letzte Hoffnung“.  Darunter steht „VACCINATIONIS PRAEMIVM“, also „Prämie für die Impfung“.

Die Numismatiker Elke Bannicke und Lothar Tewes haben 2007 herausgefunden, dass 310 Prägungen der Münze in der Zeit von 1805 bis 1825 angefertigt wurden, davon eine aus Gold. Diese erhielt Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836), der nicht nur die Einführung der Pockenimpfung in Preußen förderte, sondern auch Leibarzt des preußischen Königs war.

1824 wurden die Motive der preußischen Staatsmedaille aktualisiert. Das königliche Bild von Friedrich Wilhelm III. wurde nach einer Büste, die Rückseite nach einem Modell des Bildhauers Christian Daniel Rauch (1777-1857) hergestellt. Sie zeigt Hygieia mit zwei Kindern bei einem Arzt, der eines der Kinder mit einer Lanzette impft. Im Hintergrund befindet sich eine Kuh, von der der Impfstoff stammt. Darüber lautet die Inschrift: „DEM VERDIENSTE UM DIE SCHUTZIMPFUNG“. In der Fußleiste sind die Signaturen von Rauch und dem Hersteller, dem Medailleur Heinrich Gottlieb Goetze (1794-1864), zu finden. Nach anfänglichen Umsetzungsschwierigkeiten wurde die Medaille 1832 erstmals und 1875, ein Jahr nach Einführung der reichsweiten Impfpflicht, zum letzten Mal vergeben. Laut Bannicke und Tewes wurden in dieser Zeit 467 Ausführungen in Silber und zwölf in Kupfer hergestellt.

Staatsmedaille für verdiente Impfärzte aus Silber, 1832-1875; Entwurf: Daniel Rauch, Hersteller: Heinrich Gottlieb Götze (GNM, Med5648, Foto: Carolin Merz); Vorderseite: Porträt Friedrich Wilhelm III., König von Preußen

Rückseite: Impfszene


Proteste der Impfgegner

Das Reichsimpfgesetz von 1874 legte dann die Pflicht zur Impfung aller Kinder und eine Wiederholungsimpfung fest. Wer sein Kind ohne triftigen Grund ungeimpft ließ, dem drohten Geld- und Haftstrafen. Das Gesetz löste jahrzehntelang massive Proteste von Impfgegnern aus. Nicht nur zweifelte man die Wirkung der Impfung an, man sah darin auch einen Eingriff in die persönliche Freiheit.

Die Gegner organisierten sich teilweise in Vereinen, und seit 1876 gab es mit der Monatsschrift „Der Impfgegner“ auch ein eigenes Propagandaorgan. Bis 1913 reichten die Gegner zahlreiche Petitionen in den Reichstag ein. Doch dieser blieb in seiner Mehrheit davon überzeugt, dass die Impfung notwendig und der Impfzwang erforderlich sei. Vergleichbare Proteste gegen die Einführung einer gesetzlichen Impfpflicht gab es auch in anderen europäischen Ländern wie dem Vereinigten Königreich Großbritannien und Irland.

Der Cartoon des Illustrators John Gordon Thomson (1841-1911) aus dem Fun Magazine ironisiert Demonstrationen gegen das Parlamentsgesetz von 1874, das die Impfung gegen Pocken zur Pflicht machte: Protestierende in Gans- und Eselsgestalten tragen Transparente mit der Aufschrift „Down with Doctors“ („Nieder mit den Ärzten“), „Liberty & Smallpox“ („Freiheit & Pocken“) und „Smallpox Forever“ („Pocken für immer“). Einem Zuschauer des Protestzugs erwachsen ebenfalls bereits Eselsohren. Die Bildunterschrift macht deutlich, wie die Protestierenden wohl vielfach eingeschätzt wurden: „Sympathetic, but doubtful, and by no means Bright.“ (übersetzt: „Sympathisch, aber zweifelhaft, und keineswegs helle.“)

Im Deutschen Reich nahm die Zahl der Erkrankungen mit Einführung des Reichsimpfgesetz deutlich ab: Während in Preußen 1816 noch rund 4700 Pockentote bei rund 10 Millionen Einwohnern gezählt wurden, waren es zwölf Jahre nach Einführung des Reichsimpfgesetzes nur noch 138 Pockentote im Jahr 1886 bei nun rund 28 Millionen Einwohnern.

Im gesamten Deutschen Reich wurden bis 1915 nur noch etwa ein- bis vierhundert Fälle pro Jahr verzeichnet. Nachdem es während des Ersten Weltkriegs erneut größere Ausbrüche gab, sank die Zahl der Erkrankten ab 1930 stetig und es kam nur noch vereinzelt zu Ansteckungen.

Seit den 1960er Jahren strebte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die globale Ausrottung der Pocken an. Ein Erfolg zeichnete sich schnell ab. So hob die Bundesrepublik die Impfpflicht für Kleinkinder 1975 auf. 1980 erklärte die WHO die Pocken für ausgerottet.


Medaillen für das „medico-historische Kabinett“?

Die preußischen Prämien, die im 19. Jahrhundert über Jahrzehnte als Impfanreiz eingesetzt wurden, gelangten in den Jahren 1903 und 1904 ins Germanische Nationalmuseum. Zwei Jahre zuvor hatte die Direktion beschlossen, unter Federführung der beiden Nürnberger Ärzte Max Emmerich und Richard Landau den medizinhistorischen Sammlungsbereich auszubauen.

Im Anzeiger des Museums wurde zum 50-jährigen Bestehen des Museums ein Gründungsaufruf für ein „medico-historisches Kabinet“ abgedruckt, und es wurden Geld- und Sachspenden gesammelt. In der neuen Abteilung sollten Interessierte die Geschichte der Medizin gegenständlich studieren können. Wohl vor diesem Hintergrund wurden auch die Impfmedaillen angekauft. Sie stehen für die bemerkenswerte Entwicklung der Medizin und deren mit Politik und Gesellschaft verbundenen Praxis im 19. Jahrhundert.


Kategorie: Perspektiven |

Schlagworte: 19. Jahrhundert | Kulturgeschichte | Medaillen | Medizin |

Dr. Barbara Leven,

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Kommentare

30.03.2021 | Eckhard Prochaska (30.3.21)

Abgesehen von der für Numismatiker ungewöhlichen Abbildungsweise der Medaillen fand ich die verschiedenen Themenbereiche des Artikels gut recherchiert, interessant dargestellt und mit instruktiven Fotos bereichert. Die Impfgegnerbewegung im 19. Jahrhundert war mir bisher unbekannt. Auf jeden Fall "danke" dafür, dass ein Blog auch einmal numismatische Objekte zur Erweiterung eines aktuellen Themas aus historischer Sicht heranzieht. | GNM_BLOG ANTWORTET: Lieber Herr Prochaska, wie schön, dass Sie wir überraschen konnten. Danke für Ihr Feedback und herzliche Grüße aus Nürnberg!


28.03.2021 | Winfried Stein

Ich finde es sehr verdienstvoll, die Medaillen zum Thema Impfschutz vorzustellen. Allerdings bedauere ich, dass die Medaillen nicht vollständig abgebildet werden. Münz- und Medaillensammler sind es gewohnt, die Stücke ganzheitlich wahrzunehmen. Zusätzlich kann man wichtige Details hervorheben. Mit freundlichen Grüßen Winfried Stein, Verein für Münzkunde Nürnberg e.V. GNM_BLOG ANTWORTET| Sehr geehrter Herr Stein, herzlichen Dank für Ihre Nachricht! Wir werden in Zukunft darauf achten. Dieses Mal ging es um das Fokussieren auf die Details.


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