Inklusion - Museum für alle

Inklusion - Museum für alle

Regina Rüdebusch M.A. | 29.04.2021

Ein Museum soll ein Ort für alle sein, ob Groß oder Klein, unabhängig vom kulturellen und sozialen Hintergrund, ob mit Einschränkungen oder ohne. Oftmals sind öffentliche Orte, wie beispielsweise Museen, für viele Menschen nicht durchgehend barrierefrei zugänglich.

Die Herausforderungen sind vielfältig und werden oft nur von den jeweils Betroffenen wahrgenommen: Für Eltern kann es schwierig sein, einen Kinderwagen durch eine schwere Außentür zu schieben, und auch für eine Person mit Rollator oder Rollstuhl stellt eine Tür oder auch nur eine Stufe am Eingang ein erhebliches Hindernis dar. Ist die Schrift auf Informationstafeln für Sehbehinderte zu klein, sind Hinweisschilder für Rollstuhlfahrende und Menschen unter einer bestimmten Körpergröße zu hoch aufgehängt, können diese Besucher*innen sie nur mit Mühe oder gar nicht nutzen. Andersherum kann es auch sein, dass Schilder für sehr große Menschen zu tief angebracht sind oder sie sich bücken müssen, um durch niedrige Türdurchgänge zu gelangen. Und für einige Menschen ist es schwierig, Inhalte auf Texttafeln zu verstehen, aufgrund von Sprachbarrieren oder kognitiven Einschränkungen.

Das GNM möchte räumliche und sprachliche Barrieren abbauen und Menschen mit und ohne Einschränkung gleichermaßen willkommen heißen. Wo fängt man da am besten an? Zumal in einem Museum, dessen Bauten teils vor mehr als einem halben Jahrtausend entstanden.
Ein Museum, insbesondere von der Größe und baulichen Struktur des GNM, komplett inklusiv umzugestalten, ist eine sehr große und langfristige Herausforderung. Im Bereich baulicher Maßnahmen spielt beispielsweise der Denkmalschutz eine bedeutende Rolle.

Der Deutsche Museumsbund spricht sich für eine „zielgerichtete, schrittweise Vorgehensweise“ aus. Auch das GNM folgt diesem Ansatz. Einiges konnte schon umgesetzt werden, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Das GNM startet mit einem Vermittlungsangebot für Menschen mit Einschränkungen und nutzen hierfür ein Medium, das zahlreichen Museumsbesucher*innen bekannt ist: den Mediaguide. Im Rahmen des sogenannten Aktionsplans der Leibniz-Forschungsmuseen und auf Basis einer bereits bestehenden Tour wurde eine neue, an inklusive Anforderungen angepasste Version geschaffen: „Das GNM in einer Stunde – 600.000 Jahre in 60 Minuten – INKLUSIV“.


Die Kennenlern-Tour im Mediaguide

2019 entstand die Tour „Das GNM in einer Stunde – 600.000 Jahre in 60 Minuten“. Darin werden nicht nur Highlight-Objekte in der Dauerausstellung vorgestellt, sondern die Objekte auch in ihre kulturhistorischen Zusammenhänge eingeordnet. Informationen zur Geschichte und den heutigen Aufgaben des GNM ergänzen den Rundgang.

Die Tour reicht vom wohl ältesten Objekt einem Faustkeil bis zur Installation Hauptstadt von Raffael Rheinsberg aus den frühen 1990er Jahren. Fotos bilden den Weg von einer Station zur nächsten ab und erleichtern so die Orientierung. Möglichst viele Besucher*innen sollen die Möglichkeit haben, das Museum in diesem einstündigen Rundgang kennenzulernen. Deshalb wurde die Tour bisher in sieben Sprachen (Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Türkisch, Russisch und Chinesisch) übersetzt. Bei der Auswahl der Sprachen war ein Blick auf eine Verteilung der Touristen, die Nürnberg besuchen, nach Herkunftsländern bzw. Sprachregionen ausschlaggebend.


Die inklusiven Varianten der Kennenlern-tour

Die Mediaguide-Tour „Das GNM in einer Stunde“ steht nun auch mobilitätseingeschränkten, hörgeschädigten und sehbehinderten Personen sowie Nutzer*innen von vereinfachter Sprache zur Verfügung.

Wir wollen eine Tour für alle anbieten. Mit diesen vier Versionen, die an die verschiedenen Bedürfnisse der jeweiligen Nutzer*innen angepasst sind, aber alle dieselben Inhalte vermitteln, können Menschen mit Bedarf an inklusiven Hilfestellungen das GNM ebenso wie Besucher*innen ohne Einschränkungen entdecken und seine Vielfalt erleben.


Museum im Dialog: Unser Austausch mit Expert*innen

Für das Gelingen des Projekts war es entscheidend, Vertreter*innen der Zielgruppen einzubeziehen. Von Beginn an fanden Gespräche und – soweit in Corona-Zeiten möglich – Museumsbesuche mit Kooperationspartner*innen und Expert*innen zur Thematik der jeweiligen Beeinträchtigungen statt: Vertreter*innen des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbunds und eine Klasse des berufsbildenden Zweigs des Nürnberger Bildungszentrums für Blinde und Sehbehinderte besuchten das Museum mehrmals.

Sie machten uns vor Ort auf mögliche Hindernisse in der Wegeführung aufmerksam und prüften die Texte im Hinblick auf ihre Eignung für die jeweilige Zielgruppe. Mit einem Mitarbeiter des Integrationsfachdiensts der Stadt Nürnberg – selbst gehörlos und Rollstuhlfahrer – testeten wir die Wegeführung. Eine Expertin vom Caritas-Pirckheimer-Haus (CPH) übertrug im Rahmen des von der Aktion Mensch geförderten Projekts „Kultouren für alle“ die Texte in vereinfachte Sprache. Diese Texte wurden zudem in Testrundgängen mit Mitarbeiter*innen des CPH und der Goldbach Werkstatt in Nürnberg auf Verständlichkeit geprüft. Auch das Kunst- und Kulturpädagogische Zentrum der Museen in Nürnberg (KPZ) begleitete das Projekt.


Die Zielgruppen und ihre Anforderungen

Die Beeinträchtigungen können in ihrer Stärke und Ausprägung individuell sehr unterschiedlich sein, daher können Maßnahmen zur Inklusion immer nur eine bestimmte Bandbreite abdecken.

Die wichtigste Anforderung für Rollstuhlfahr*innen und andere Mobilitätseingeschränkte ist eine barrierefreie Wegeführung. Bei der Auswahl der Objekte haben wir darauf geachtet, dass diese von der sitzenden Position der Rollstuhlfahrenden aus gut einsehbar sind.

Seheinschränkungen reichen von leichten Beeinträchtigungen bis zur Blindheit. Gerade die Orientierung im unbekannten Raum ist für viele Seheingeschränkte schwierig. Hier können detaillierte Audiodeskriptionen helfen: Auf eine genaue Beschreibung des jeweiligen Raums folgt eine ausführliche Beschreibung der Objekte und schließlich deren inhaltliche Erschließung. Bei letzterer handelt es sich um die gleichen Audiofiles, die auch in der Tour für Besucher*innen ohne Einschränkungen zu hören sind.

Für Höreingeschränkte werden die Inhalte in Gebärdensprachvideos – in allgemeiner verständlicher Gebärdensprache aus dem deutschsprachigen Raum – übersetzt. Da nicht alle Hörgeschädigten fließend Gebärdensprache verstehen, wird der Text unterstützend dazu per Untertitel auf dem Display eingeblendet.

Eine Variante in vereinfachter Sprache ist beispielsweise für Menschen mit kognitiven Einschränkungen sinnvoll sowie für Nicht-Muttersprachler. Auch in dieser Variante wird der Text im Display eingeblendet, um den Nutzer*innen eine weitere Möglichkeit zu geben, die Inhalte zu verstehen.


Mit Tablets im Museum unterwegs

Die vier inklusiven Touren können nicht nur auf den gängigen Leihgeräten im GNM abgerufen werden, sondern auch auf Tablets. Bei der Auswahl wurde darauf geachtet, dass das Display deutlich größer ist, als das der Mediaguides in Smartphone-Größe.

Hier bieten sich für alle Nutzer*innen Vorteile: Rollstuhlfahrer*innen können ein Tablet besser auf den Knien ablegen, wenn sie von einem Objekt zum nächsten fahren. Menschen mit Sehbehinderung nutzen die Zoom-Funktion, um Objekte zu vergrößern und damit besser sehen zu können. Auch der eingeblendete Text lässt sich auf dem größeren Display besser lesen.


Tastmodelle als Ergänzung

Viele Objekte sind in Vitrinen untergebracht und somit relativ weit vom Betrachtenden entfernt. Seheingeschränkte können die Details auf die Entfernung möglicherweise nur ungenau wahrnehmen. Tastmodelle bieten sich als Lösung an: Sie können aus unmittelbarer Nähe betrachtet und auch betastet werden. Im Grunde nutzen alle Besuchergruppen sie gerne zur Veranschaulichung.

Zu einigen ausgewählten Objekten der Tour gibt es daher Tastmodelle. An der Kasse bekommt der Gast einen Korb mit dem Tablet und den Modellen. Die Modelle sollten vergleichsweise klein sein und trotzdem Aspekte wie Form, Material oder Dekor sowie die Aussage des Objekts verdeutlichen.

Bereits zu Beginn der Planungen stand daher fest, dass die Tastmodelle im Material so wenig wie möglich von den Originalen abweichen sollen. Die Materialgerechtigkeit war für die beteiligten Vertreter*innen der Zielgruppen wichtig, weil die Haptik wesentlich für die Wahrnehmung ist. Kopien aus dem 3D-Drucker finden sich deshalb nicht im Korb.

Der aus hauchdünnem Metall gearbeitete Goldhut von Ezelsdorf/Buch beispielsweise ist mit feinen, getriebenen Mustern verziert. Um diese Details deutlich zu machen, erstellte eine Künstlerin einen Ausschnitt aus dem Objekt: Auf ein Stück Kupferblech wurde das Muster des Goldhuts übertragen. Natürlich ist dieses Blech dicker als das Gold des Originals, dafür jedoch strapazierfähiger und mit vertretbarem Kostenaufwand herzustellen.

Auch die Form der Objekte stellte ein Kriterium für die Auswahl als Tastmodell dar: Die Adlerfibel – ein Teil des Schatzes von Domagnano – könnte falsche Assoziationen wecken, wenn man nur ein Audiofile zum Objekt anhört, aber keine Möglichkeit hat, es zu sehen. Denn einen Adler stellt man sich wohl eher als großes Tier mit weit ausgebreiteten Schwingen vor, das majestätisch über den Himmel gleitet. Ganz anders als die stilisierte Adlerfibel im GNM. Aus diesem Grund wurde die Umrissform der Adlerfibel aus Kupferblech nachempfunden.

Durch die Zusammenarbeit mit unseren Kooperationspartner*innen haben wir viel gelernt und danken ihnen vielmals für die Unterstützung und Beratung. Wir hoffen, dass wir immer mehr Menschen einen leichteren Zugang ins Museum ermöglichen. Auch in Zukunft werden wir weiter am Thema Inklusion und Barrierefreiheit arbeiten und Verbesserungen anstreben.

 

Gruppen können inklusive Führungen im GNM beim KPZ buchen und sich diesbezüglich beraten lassen.

 


Kategorie: Museumsleben |

Schlagworte: Kulturvermittlung | Museum |

Regina Rüdebusch M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin

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