Medizin und Gesundheit

Medizin und Gesundheit

Dr. Dominik von Roth | 20.06.2020


#stayhealthy im mittelalter | medizin und gesundheit

 

Quarantäne, Kontaktminimierung, Masken das waren die Register, die wir auch im Mittelalter hatten - so der Physiker und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwa im April bei "Maybritt Illner" und er mahnt die fehlende Nutzung digitaler Möglichkeiten an.

Wissenschaftliche Forschung umfasst längst den digitalen Raum. Mit der neuen DigitalStory erweitert das Germanische Nationalmuseum auch seinen Bildungsauftrag ins Digitale. Historisches Wissen über den Alltag im Mittelalter wird auf diese Weise weit über die Museumsmauern hinaus vermittelt – unabhängig von Zeit, Zugänglichkeit und mit allen Vorzügen der digitalen Vernetzung.


Der digitale Aderlass

Heute ist Wissen digital – das ist ein bisschen wie Wasser aus der Leitung. Wir wissen, dass es trinkbar ist, kaufen es aber trotzdem im Supermarkt. Wissen in Büchern schenkt man Glauben, im Netz bleibt hingegen immer ein gewisser Zweifel. Bücher waren schon im Mittelalter das zentrale Medium des Wissens. Deren Bewahrung und Verbreitung kannten jedoch weder Open Access noch eine Breitbandverbindung, auch keine Viren.

Ein Forschungsmuseum wie das Germanische Nationalmuseum ist ein Ort des kollektiven Erinnerns und Bewahrens. Gleichermaßen ist es einem gesamtgesellschaftlichen Bildungsauftrag verpflichtet. Der freie Zugang zu Wissen im Netz ist dabei Fluch und Segen zugleich: Datenschutz, digitale Persistenz und Digital Credibility sind neue Herausforderungen heutiger Wissenskultur, die vor einem halben Jahrtausend noch durch dicke Klostermauern und die lateinische Sprache gewährleistet waren.


Glauben und Wissen

Was im Mittelalter noch der Überzeugungskunst eines vorgeblichen Arztes bedurfte, der seine wirkungslosen Wundersalben verkaufen wollte, ist mittlerweile ein Kinderspiel. In Millisekunden finden Suchmaschinen Diagnosen über Krankheitssymptome, der Werbebutton zur Online-Apotheke ist gleich nebenan. Digitale Quacksalberei breitet sich im Netz heute selbst wie ein Virus aus.

Im Mittelalter war Krankheit und Heilung vor allem eine Frage von Glaube und Religion. Kirchen und Klöster waren aber auch Orte der Wissensproduktion. Hinter den Mauern wurde geforscht und geschrieben – um zu bewahren. Doch parallel entwickelten sich die modernen, die freien Wissenschaften, und damit auch die Medizin: Mehr als hundert Universitäten wurden bis um 1500 allein in Europa gegründet. Unschätzbares Wissen aus der Antike, das in arabischen Ländern noch überliefert war, wurde nun ins Lateinische übersetzt, verbreitet und gelehrt.


Gesundheitssystem Fehlanzeige?

Kaum eine Zeit wurde von so verheerenden Seuchen heimgesucht wie das Mittelalter. Leben und Sterben standen mit Glaube, Medizin und Aberglaube Seite an Seite. Allein die rasend wachsenden Städte waren oft ein hygienisches Desaster. Die Not forderte neue Ordnungen, die sich letztlich bis auf das alltägliche Leben des modernen Europa auswirkten.

Seit Anfang des 14. Jahrhunderts gab es in größeren Städten sogenannte Stadtärzte. Dies waren akademisch gebildete Mediziner, die auch für die Kontrolle und Zulassung aller nicht-akademischen Berufsstände des mittelalterlichen Gesundheitssystems zuständig waren. Dazu gehörten u.a. Wundärzte, Bader, Hebammen, Barbiere und Apotheker. Wenn eine Seuche ausbrach, entschieden Stadtärzte über medizinische Maßnahmen, verhängten Quarantänen oder schlossen beispielsweise Badehäuser.


Die Wiederentdeckung der Badeanstalt

SPA steht heute stellvertretend für Wellness und meint alles, was mit Gesundheit, Entspannung und irgendwie auch mit Wasser zu tun hat. Von fernöstlichem Ayurveda bis zur Heilquelle in der Bayerischen Rhön findet sich für jeden etwas. Körperreinigung steht dabei selten im Vordergrund. Doch wie sah es mit der Reinlichkeit im Mittelalter aus, wo Tierhaltung und Latrinen häufig Teil des häuslichen Wohnbereichs waren?

Körperhygiene existierte durchaus, erfolgte aber in anderer Form und Häufigkeit und vor allem außerhalb des Wohnbereichs: in den Badehäusern. Ägypter, Griechen, Römer – sie alle kannten die reinigende und heilende Wirkung der Therme. Im europäischen Mittelalter kamen Badehäuser im 12. Jahrhundert auf. Dabei standen zunächst Körperreinigung und medizinische Versorgung wie Schröpfen und Aderlass im Vordergrund. Geselligkeit bis hin zu erotischem Vergnügen – ja, auch dafür waren Badehäuser bekannt. Mit Ausbruch der Pest und durch die Verbreitung der Syphilis Ende des 15. Jahrhunderts wurden die meisten öffentlichen Badestuben geschlossen.


Die Kunst des Sterbens

Was makaber klingt, ist es im Grunde auch. Musik und Tanz sind Ausdruck menschlicher Lebensfreude. Und inmitten dieser fröhlichen Feierlaune wird der Mensch im „Totentanz“ sinnbildlich an die Hand genommen – und in den Tod geführt. Der Totentanz (frz.: danse macabre) ist ein spätmittelalterliches Motiv, das zur selben Zeit aufkam, als die Pest ganze Landstriche in Europa auslöschte. Totentanz-Bilder an Kirchenmauern oder auf Papier gedruckt sollten die Menschen ermahnen, zu beten und zu beichten. Der Tod konnte schließlich jederzeit an die Tür klopfen!

Wer den Totentanz in der Komposition von Franz Liszt jemals live im Konzert gehört hat, kennt diesen Moment der Ehrfurcht, und nicht nur die vor der pianistischen Leistung. Mit dem durchgehend erklingenden Dies-irae-Motiv (der Zorn Gottes) wird die markante Tonfolge eines mittelalterlichen Hymnus über das Jüngste Gericht zitiert. Dessen Wirkung lässt einen noch heute erschauern.

Seit Corona sind Konzerthäuser geschlossen und – seien wir ehrlich – kaum einer möchte noch einem weiteren Wohnzimmerkonzert übers Handy lauschen. Es sind diese Momente, in denen einem die Sehnsucht nach dem „live“ und nach dem eigentlichen Leben schmerzhaft bewusst werden.


Wissen digital

Der bequeme Klick durch die Historie ersetzt nicht Kunst und Kultur, kann aber Wissen darüber anschaulich vermitteln. Isolationsverordnungen und lästige Abstandsgebote erhalten mit einem Mal eine andere Bedeutung: Wissen verändert die Wahrnehmung. Sowohl der Blick auf die Welt als auch auf uns selbst wandeln sich mit jeder Kenntnis über die Vergangenheit. Historisches Wissen verleiht Fakten eine neue Dimension, schafft Bewusstsein und eine ethisch-moralische Basis. Der Blick zurück wird zum zuversichtlich stimmenden Garanten für die Zukunft. Und eines ist sicher, die Menschheit hat das Mittelalter überlebt. Auch die Pest ist Vergangenheit. Hygienische Maßnahmen, Behandlungsmethoden und Impfstoffe feiern seither ihren stillen Siegeszug in der schlichten Tatsache unseres Daseins – #stayhealthy!

Ab Mitte Juli ist die DigitalStory online. Bis dahin berichten wir über den Alltag im Mittelalter und wie wir diesen ins Digitale bringen. Beim nächsten Mal heißt es: #stayathome im Mittelalter | Leben und Arbeiten zu Hause. Was wollten Sie schon immer mal über das Mittelalter wissen? Schreiben Sie uns gerne!


Kategorie: Digital |

Schlagworte: Mittelalter | Digitalisierung | Kulturvermittlung |

Dr. Dominik von Roth, Wissenschaftlicher Mitarbeiter

Weitere Beiträge anzeigen...

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar schreiben:

* Diese Angaben sind erforderlich.

GNM_Blog abonnieren

Jetzt abonnieren