3D-Objekte in Bewegung

3D-Objekte in Bewegung

Dr. Dominik von Roth | 03.10.2020

Originale – meist einzigartige und sehr alte Objekte – sind die Herzstücke von Museen. Manche Objekte im Germanischen Nationalmuseum blicken auf eine Geschichte von bis zu 600.000 Jahren zurück. Andere sind weitaus jünger, doch ist ihre Geschichte ebenso bewegt und spannend. Leider lässt die Einzigartigkeit der Originale aus konservatorischen Gründen etwas nicht zu, was viele Besucher*innen sich wünschten: ein Museumsobjekt einmal selbst aus der Vitrine nehmen und von allen Seiten anschauen, es drehen und wenden – Geschichte tatsächlich „begreifen“ zu können.


Die Technik


Neue Medien und Technologien erweitern die Welt unserer Möglichkeiten. Auch im Museum profitieren wir in vielen Bereichen davon und machen von neuen Technologien Gebrauch. Fotogrammetrie ist eine solche Methode; sie dient dazu, plastische Objekte dreidimensional im virtuellen Raum abbilden zu können. Dazu wird das Objekt in einem gleichmäßig ausgeleuchteten Lichtzelt auf einem Drehteller platziert. Mit einer Kamera werden bei langsamer Rotation lange Serien von Einzelbildern geschossen. Nach einer ganzen Umdrehung wird die Lage des Objekts so verändert, dass alle Seiten eines Objekts mindestens einmal abgelichtet werden können. Über eine spezielle Software werden anschließend sämtliche Bilder zu einem virtuellen 3D-Modell zusammengefügt.


Die Objekte

Auf diese Weise haben wir eine Eidechse, eine Sonnenuhr und einen Spielzeug-Pudel dreidimensional erfasst. Diese drei Objekte präsentiert das Germanische Nationalmuseum in Vitrinen. Den Besucherinnen und Besuchern geben sie weder ihre Rückseite noch ihre Unterseite preis und können als plastische Objekte nur sehr eingeschränkt erfahren werden. Alle drei Gegenstände sollten ursprünglich berührt oder in der Hand bewegt werden. Als Abguss eines echten Lebewesens konnte die elegante und geschmeidige Eidechse aus allen Winkeln betrachtet und befühlt werden. Der Pudel wurde einst von Kinderhänden bewegt und hat auf diese Weise die Fantasiewelt von Kindern angeregt. Die Klappsonnenuhr mit Kompass schließlich war für die Handels- oder Pilgerreise gedacht, um in unterschiedlichen Breitengraden die Zeit möglich exakt messen zu können. Durch die 3D-Digitalisierung schaffen wir nun die Möglichkeit, diese Objekte in ihrer ursprünglichen Funktion besser zu verstehen und damit die Vergangenheit plastisch anschaulich zu machen.


Die Geschichten

Die kleine Eidechse trägt viele spannende Informationen, die sich beim Blick in die Vitrine nicht erschließen. So kann man etwa den Bauch des zierlichen Reptils nicht sehen. Das 3D-Modell lässt sich dagegen problemlos auf den Rücken legen und beliebig vergrößern. So wird nicht nur die händisch aufgetragene Inventarnummer sichtbar, sondern vor allem die grünen Farbreste an der obersten Reihe der Schuppen. Ursprünglich war das kleine Tier nämlich bemalt und zwar so täuschend echt, dass es einer echten Zaun-Eidechse zum Verwechseln ähnlich war. Erst durch das Betasten sollte sich dem Betrachter die täuschende Nachahmung der Natur offenbaren. Betrachtet man den Schwanz der Eidechse genauer, so ist dort eine Bruchstelle zu erkennen. Es ist genau diejenige Stelle, an der Eidechsen bei Gefahr ihren Schwanz abwerfen. Zur Herstellung dieses Silbergusses musste ein echtes Tier sein Leben lassen: Beim Präparieren des noch lebenden Tiers hat es die Gefahr offensichtlich erkannt und durch Abwurf des Schwanzes vergeblich versucht, sein Leben zu retten.

Die aus Nürnberg stammende Klappsonnenuhr aus Buchsbaumholz ist die älteste datierte ihrer Art. Die Bedeutung der unterhalb des Kompasses positionierten „49“ erschließt sich erst bei einem Blick auf die Rückseite, auf der man einen lateinischen Hinweis die Position Nürnbergs auf dem 49. Breitengrad erkennt. Die zentrale Position auf der Vorderseite weist auf die Verwendung und den hauptsächlichen Absatzmarkt in Nürnberg hin. Aus heutiger Sicht ist es ungewöhnlich, Grönland auf der Landkarte ganz „unten“ und Äthiopien „oben“ zu sehen. Die Karte auf der Vorderseite steht nach heutigem Verständnis auf dem Kopf, da sie nach Süden ausgerichtet ist – es ist die damals in der Kartographie übliche Darstellung in Europa. Dem damaligen Weltverständnis entsprechend liegt genau in der Mitte der Karte Rom, als geografisches und geistliches Zentrum der christlichen Weltordnung. Für die Pilgerschaft von besonderer Bedeutung war damals der Berg Sinai. Er befindet sich links auf der Karte neben der Markierung für den 25. Breitengrad. Auf der Innenseite findet sich für den „Mons Sinai“ auch ein eigenes Stundenziffernblatt.

Tiere, in unterschiedlichsten Materialen geformt, waren und sind bis heute beliebte Kinderspielzeuge. Faszinierend an diesem Pudel ist die Maserung des Zirbelholzes, aber auch das Fell bzw. die Art, wie dieses „geschoren“ bzw. kunstvoll geschnitzt wurde. Offensichtlich wurde dabei größten Wert auf ein authentisches Aussehen gelegt: Die sogenannte Löwen-Schur sollte Herz und Lunge des Pudels beim Jagen im Wasser vor Kälte schützen. Ihrer Vorliebe für das Wasser verdanken die Pudel auch ihrem Namen (pudeln = im Wasser planschen). Der eifrige Entenjäger und Jagdbegleiter scheint heute etwas aus der Spielzeugmode gekommen zu sein, möglicherweise ist dies auch bedingt durch die gesellschaftlich geringere Relevanz der Jagd. Seine prominente sprichwörtliche Bedeutung verdankt der Pudel Goethes teuflischer Figur Mephistopheles. Als schwarzer Pudel schlich sich der Teufel im „Faust“ unerlaubt ins Haus – unserem digitalen Pudel stehen nun alle Türen offen!


Was bleibt?


Forschungsmuseen sind Schaufenster der Wissenschaft. Virtuelle 3D-Objekte ermöglichen es, dass zukünftig nicht mehr nur Restaurator*innen die einzigartigen und oft fragilen Objekte im Museum aus den Vitrinen holen dürfen.

Digital können wir sie nun weltweit allen in die Hand geben, die mehr darüber erfahren möchten. Ob zu Hause am Bildschirm oder als Augmented Reality über das Handy, direkt im Museum neben dem Original oder in der Schule – ausgewählte Objekte aus dem Germanischen Nationalmuseum stehen im virtuellen Raum ab sofort zur Verfügung. Dabei bieten Annotationen am Objekt spannende Perspektiven und ungekannte Einblicke in Material und Geschichte.

Wissen bewegt und verändert die Wahrnehmung der Welt und damit auch unser Wissen. Der Klick durch die digitale Welt der Objekte kann und will die authentische Einzigartigkeit von Kunst und Kultur nicht ersetzen, ermöglicht es aber, unser Wissen darüber noch anschaulicher zu vermitteln. Alle unsere 3D-Objekte finden Sie auf dem Sketchfab-Account des GNM – und es werden stetig mehr.

Die ganze Bandbreite unserer rund 1,5 Millionen Originale finden Sie weiterhin bei uns im Museum – wir freuen uns auf Sie!

Haben Sie ein kleines Lieblingsobjekt im GNM, das Sie mal von allen Seiten anschauen wollen? Schreiben Sie uns, vielleicht können wir es auch in unser Lichtzelt legen!


Kategorie: Digital |

Schlagworte: Digitalisierung | Kulturvermittlung | Museum |

Dr. Dominik von Roth, Wissenschaftlicher Mitarbeiter

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