Pest und Heilige

Pest und Heilige

Prof. Dr. Daniel Hess | 09.05.2020


Pest und Heilige - wer hilft in Zeiten der Not?

Die Ballade der Typhoid Mary

1883 wanderte die Irin Mary Mallon in die USA ein, 1901 zog sie nach New York. Hier arbeitete sie als Köchin und Pflegerin. Wo immer Mary Mallon wirkte, infizierte sie ihre Umgebung mit Typhus. Da sie ihre Arbeitgeber sehr häufig wechselte, streute sie die tödliche Seuche weitflächig. Was sie nicht wusste: Sie war nicht erkrankte Trägerin von Typhus und wurde zur Superverbreiterin der Krankheit. Der Davoser Schriftsteller Jürg Federspiel hat ihrem schicksalhaften Leben mit seinem Buch Die Ballade der Typhoid Mary 1982 ein literarisches Denkmal gesetzt.

Der Typhus-Bazillus konnte 1880 erstmals mikroskopisch nachgewiesen werden. Etwa gleichzeitig gelang der Nachweis der ersten Viren. Bis dahin war die Menschheit auch der Pest nahezu hilflos ausgeliefert. Helfen konnte nur Gott. Doch wie erwirkte man seine Gnade? Welche Rolle spielten die Heiligen und Nothelfer? Was ist eine Heilstreppe und warum wurde der Pestbrief zum Vorläufer unseres Reisepasses?


die pest als vorbote der apokalypse

In seinem Holzschnitt der apokalyptischen Reiter gab Albrecht Dürer den Grundängsten des vormodernen Menschen eine über Jahrhunderte gültige sichtbare Gestalt. Die vier Reiter verkörpern Sieg, Krieg, Hunger und Tod; dem biblischen Text der Apokalypse nach kommen sie, um mit dem Schwert, durch Hunger und Pest zu töten. Die urplötzlich aus dem Nichts auftauchende Pest wurde im Mittelalter durch Pfeile symbolisiert. Da Pfeile aus großer Distanz abgegeben werden, konnte man sich dagegen nicht wie im Nahkampf wehren. Die Pest stand für Angst, Machtlosigkeit und Untergang. Da man ihre Ursache nicht kannte, galt sie als Geisel Gottes. Mit ihr strafte Gott in regelmäßigen Wellen die sündhafte Menschheit, so glaubte man.


Heilige als Nothelfer und Beschützer

Der ersten Pestwelle, die Europa um 1350 traf, erlag rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung. Auch die Folgen waren verheerend: Da man die Ursache der Seuche nicht kannte, machte man die Juden zu Sündenböcken. Sie sollten die Pandemie mit Giftmischerei und Brunnenvergiftung ausgelöst haben. Mit der Pest begannen in Europa auch die Judenpogrome.

In die Zeit der ersten Pestwellen fällt das Leben des Hl. Rochus, der neben Sebastian zum wichtigsten Pestheiligen wurde. Nachdem er seine Eltern verloren hatte, trat er in den Franziskanerorden ein und pilgerte nach Rom. Auf dem Weg dorthin soll er Pestkranke allein mit dem Kreuzzeichen geheilt haben. Als er selbst erkrankte, zog er sich ohne Beistand in den Wald zurück. Dort soll ihn ein Engel geheilt haben. Als Pilger und Pestkranken zeigt ihn der Augsburger Maler Hans Burgkmair auf einem Altar von 1505. Ein Engel heilt die eitrigen Beulen am Oberschenkel.

Mit Gebeten, Altarstiftungen und Fürbitten suchte man Schutz und Hilfe bei den Heiligen und Nothelfern, die vor der Krankheit bewahren oder die bereits Erkrankten heilen sollten.


der pestaltar von martin schaffner

Wie die Gebete und Bitten im Sinne einer Heilstreppe zu Gott gelangten, zeigt der Pestaltar von Martin Schaffner in unserer Sammlung. Für seine Stiftung bedurfte es 1513/15 wohl keines spezifischen Ereignisses, da die Pest Deutschland regelmäßig heimsuchte. Die beiden Altartafeln verdeutlichen die Ursache der Pest und das Ausgeliefertsein der Menschen, die unter dem Mantel der Muttergottes Schutz suchen. Gott zürnt der sündigen Menschheit mit Schwert und Pfeilen. Einzelne sind der Seuche bereits zum Opfer gefallen. Angeführt von Kaiser und Papst richten die Überlebenden ihre Gebete an die beiden Pestheiligen Sebastian und Rochus. Letzterer ist auch hier mit Pestpeule und heilendem Engel gezeigt.

Die beiden Heiligen geben die Gebete und Bitten an die Muttergottes weiter. Diese leitet sie an ihren Sohn Jesus Christus weiter und verleiht ihrer Fürbitte mit entblößter Brust als Zeichen ihrer Mutterschaft Nachdruck. Christus fällt vor seinem Vater auf die Knie und überbringt die Bitten der Menschen seinem Vater. Die blutenden Wunden des Erbärmdechristus und die von den Engeln präsentierten Marterwerkzeuge sollen Gottvater gnädig stimmen. Die Bitten und Gebete finden Gehör: Die Pfeile knicken auf ihrem Flug ab und die Menschen bleiben unversehrt.


der Pestdoktor und die erfindung der quarantäne

Die Realität indes sah anders aus: Bis im 18. Jahrhundert wurde Europa von Pestwellen heimgesucht. Noch wusste man nicht, dass die Krankheit durch die Flöhe von Ratten übertragen wurde. Aufgrund der fehlenden Hygiene wimmelte es in den Städten von Ratten, und die Seuche konnte sich rasch ausbreiten. Man versuchte den Gestank durch Rauch zu bekämpfen. Mit dem Räuchern verbesserte man indirekt auch die hygienischen Zustände. Doch die Ärzte waren weitgehend machtlos, so eindrucksvoll sie in ihrer bizarren Schutzkleidung auch wirken mochten.

Ein Flugblatt von 1720 zeigt den Pestarzt Doktor François Chicoyneau, den der französische König nach Marseille geschickt hatte, um den Kranken beizustehen. Wie das Flugblatt besagt, trug Chicoyneau zum Schutz ein langes Lederkleid sowie eine skurrile Schutzmaske mit Augen aus Kristall und einer langen Nase. Diese war mit „wohlriechenden Sachen wider das Gift angefüllet“. Mit einem Stock zeigte er auf die von der Krankheit Befallenen und verordnete, was mit ihnen zu tun sei.

Zu den erfolgreichen, bis heute wirksamen Maßnahmen gehörten die Quarantäne und der Pestbrief. Zum Schutz vor Pestepidemien hatte die Republik Ragusa 1377 eine 40-tägige Quarantäne (quaranta giorni = 40 Tage) für Kaufleute und Reisende verordnet, die in dem Stadtstaat ankamen. Ein Pestbrief war ein Gesundheitspass, der 1374 in Venedig eingeführt worden war. Ein venezianischer Agent bescheinigte im Abfahrtshafen die Pestfreiheit des Herkunftsortes. Er entschied damit, ob die von dort kommende Person in Venedig einreisen durfte oder in Quarantäne musste.

Solche „Gesundheitszettel“ begleiteten die Reisenden fortan in Europa: Michel de Montaigne schimpft 1580/81, dass sie mit der Bekämpfung von Seuchen wenig zu tun hätten, sondern nur dazu dienten, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Ihre Gültigkeit erhielten die Zettel durch Stempel und Unterschrift der Beamten. Sie bescheinigten die Gesundheit der Reisenden. Name und Zielort wurden zwar vermerkt, Beschreibungen und die Angabe von persönlichen Kennzeichen fehlten jedoch. Manipulationen waren damit Tür und Tor geöffnet.    

Seuchen, Quarantäne, Heilige und Hilfe durch Gottes Gnaden bestimmten das menschliche Leben im Verlauf der Kulturgeschichte. Die Bilderwelten berichten darüber, wie auch der Artikel Die Seuchen reisen mit deutlich macht. Die Gegenwart öffnet immer neue Fragen und Blicke auf die Vergangenheit; es gibt viel zu erzählen. Worüber möchten Sie  mehr erfahren?


Kategorie: Kolumne |

Schlagworte: Mittelalter | Dürer | Pest | Medizin |

Prof. Dr. Daniel Hess, Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums

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