Streit und Schulstress

Streit und Schulstress

Prof. Dr. Daniel Hess | 16.05.2020


Der Streit um den Brei und die lästigen Schulaufgaben: Familiäre Spannungen selbst in der Heiligen Familie


Familien haben es zurzeit schwer: Kitas und Schulen sind geschlossen, Großeltern fallen als Babysitter aus. Beratungszentren bieten kostenfreie Dienste an, um den Stress zuhause zu bewältigen. Vor diesem Hintergrund erweckt ein Detail auf einem Nürnberger Marienaltar aus der Zeit um 1400 unsere besondere Aufmerksamkeit: Christus und Johannes streiten um einen Breitopf. Warum gab es Streit in der Hl. Familie, die doch eigentlich als Vorbild für einen christlichen Lebenswandel gilt? Das Detail hat die Forschung lange irritiert und zu vielen Vermutungen geführt, wie der Streit zu deuten sei. Im Rahmen des Forschungsprojekts zur mittelalterlichen Tafelmalerei im GNM fanden wir eine Erklärung.


Schule - auch für Christus ein Muss

Maria spinnt das Garn für den Tempelvorhang, was nach dem Protoevangelium des Jakobus ihre Aufgabe als Tempelmagd gewesen sei. Elisabeth, ihre Verwandte und die Mutter Johannes des Täufers, geht ihr an der Garnhaspel zur Hand (siehe Titelbild). Das Motiv ist nicht wahllos aus dem häuslichen Leben der heiligen Frauen gegriffen. Vielmehr wird es durch den Reliquienbesitz der Nürnberger Frauenkirche bestimmt, zu deren Hochaltaraufsatz die Tafel gehörte. Neben den Haaren, der Milch und drei Stücken des Marienschleiers zählten die Reste von Marias „Gespünn“ sowie der auf dem Gemälde ebenfalls prominent in Szene gesetzte goldene Gürtel zu den kostbarsten Reliquien.

Zu Füßen der beiden Frauen streiten Christus und Johannes um den Brei. Empört wendet sich Letzterer zu seiner Mutter und beklagt sich, dass Jesus ihn ärgere. Betrachtet man den Marienaltar und unseren Kinder-Streit im Kontext des ursprünglichen Standorts, fällt unter den Schluss-Steinen des Chorgewölbes die seltene Szene mit dem Schulgang des Christusknaben auf. Maria führt das Kind mit seiner Schreibtafel in die Schule.

Im apokryphen Evangelium des Thomas, das einige Episoden der Kindheit Christi überliefert, erfahren wir nur, dass die Lehrer den vom Geist Gottes beseelten Knaben nicht unterrichten wollen: Sie konnten ihm schlicht nichts beibringen. Die seit dem 13. Jahrhundert nachweisbaren Bilder machen aus Christus dagegen einen ganz normalen, unwilligen Schuljungen, den seine Mutter zur Schule zerrt.

Auf einigen Darstellungen, so auch auf dem Schlussstein der Frauenkirche, erscheint Maria mit Rute. Sie schlüpft damit in die Rolle der Grammatik, die im Mittelalter durch eine Frau mit Rute personifiziert wird. Die Szene im Schlussstein wie auch der Streit um den Brei verweisen auf die damals viel diskutierte Menschwerdung Christi. Sie unterstreichen die menschliche Natur des Christusknaben. Deshalb ist dieser auf unserer Tafel mit betont geöffneten Beinen und deutlich sichtbarem Geschlecht gezeigt. Die Botschaft lautet offenbar: Christus ist ein ganz normales Kind, das die Schule ebenso fürchtet wie die im Unterricht eingesetzte Rute.


Familienleben auf engstem Raum

Die räumlichen Verhältnisse waren im Mittelalter eng, wie ein Buchholzschnitt von 1519/20 illustriert: Die Eltern, eine Amme und acht Kinder sind in einem Raum zusammengedrängt. Wie auf unserem Altarbild sitzt die Mutter am Spinnrocken, doch damit noch nicht genug, vorne links entdecken wir zwei Jungen, die sich um einen Breitopf streiten. Nun sind es aber nicht mehr Christus und Johannes, sondern ganz normale Kinder in einer alltäglichen Szene. Auch dieser Holzschnitt ist natürlich kein Schnappschuss damaliger Lebensverhältnisse, vielmehr zeigt er programmatisch eine christliche, arbeitsteilig organisierte Familie. Die Aufgabe der Eltern insbesondere des Hausvaters ist es, die Familienmitglieder auf ihre Aufgaben in der Gesellschaft vorzubereiten.


Die Heilige Familie macht Hausaufgaben

Neue Medien verändern die Lebensverhältnisse, wie wir gerade sehr deutlich merken. Durch die Erfindung des Buchdrucks hatte sich um 1500 auch das Familienleben geändert: Mit den vielen neuen gedruckten Lehrmitteln hielt der Schulunterricht erstmals Einzug in die häusliche Stube. Es ist nur konsequent, dass die Familienbilder des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts deshalb das Lernen im Familienverband häufiger thematisieren. So zeigt ein um 1480 entstandenes Gemälde einer Hl. Sippe links unten zwei Kinder, die sich gegenseitig das Alphabet beibringen.

Die Methoden des Peer-Learning und Peer-Teaching sind offensichtlich viele Jahrhunderte alt. Die zentrale Rolle von Büchern im Familienalltag untermauern auch die Gemälde des Mindelheimer Sippenaltars um 1505/06. Auf einer der Tafeln sehen wir den jugendlichen Johannes, den späteren Verfasser des nach ihm benannten Evangeliums sowie der Offenbarung, bei Schreibübungen, auf einer anderen bringen Joachim und Anna ihrer Tochter Maria das Lesen bei.


Neue Medien im Schulunterricht

Nehmen wir einige der damaligen Lehrmittel zur Hand, so finden sich darunter Schriften zur allgemeinen Lebensführung ebenso wie praktische Anleitungen zum Rechnen und Schreiben. Das GNM bewahrt eine exquisite Sammlung verschiedener Latein- und Rechenschulen.

Besonders selten ist die Erstausgabe von Valentin Ickelsamers deutscher Fibel aus dem Jahr 1527: Es ist die älteste bekannte methodische Anweisung zum deutschen Elementarunterricht und – noch ein Superlativ – die erste systematische grammatische Behandlung der deutschen Sprache. Ickelsamer erfindet eine neue Methode, die das Lesenlernen vereinfachen soll. Die Schüler lernen nicht die einzelnen Buchstaben, sondern Laute, da dies viel einfacher und weniger abstrakt zu lernen sei. Diese revolutionäre Lernmethode konnte sich aber erst mit Heinrich Stephani im 19. Jahrhundert durchsetzen. Auch hier zeigt sich die Innovationskraft der Umbruchszeit des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts. Übrigens sind die in damaligen Rechenbüchern gedruckten Ein-mal-eins-Tabellen bis heute in Gebrauch.


Bildung für alle

Als letztes Buch beschäftigt uns eines der ambitioniertesten Werke des Spätmittelalters: die unter dem Titel Margarita philosophica 1504 erschienene erste philosophische Enzyklopädie im deutschen Sprachraum. Wir sehen den Turm der Wissenschaften, den die Seherin Nikostrate einem Schulknaben mit ihrem Schlüssel öffnet. Von der Grammatik, Rhetorik und Dialektik wird er sich im klassischen Bildungskanon Stockwerk für Stockwerk bis zur Theologie und Metaphysik hocharbeiten. Dies war seit der „Bildungsrevolution“ des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit nicht mehr allein für eine Elite, sondern nun auch für die städtische Mittelschicht möglich.

Die Schule diente nicht nur den praktischen Anforderungen von Handel und Gewerbe, indem sie Schreiben, Rechnen und Geographie vermittelte. Sie stellte auch das bis dahin gültige Bildungsprivileg des Klerus in Frage und machte den Menschen mündig. Sie wurde zum Schlüssel für Kultur und Bildung und ermöglichte erstmals eine breite gesellschaftliche Teilhabe.


Kategorie: Kolumne |

Schlagworte: Mittelalter | Bildung |

Prof. Dr. Daniel Hess, Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums

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Kommentare

18.05.2020 | Heidemarie Kockert

Hochinteressant | GNM_BLOG ANTWORTET: Danke und herzliche Grüße aus dem GNM!


18.05.2020 | Irmela Bess

Wunderbarer Beitrag- der Schulbezug schon bei Jesus etc. Vielen Dank! Gestern habe ich mit meinem Enkel Hausaufgaben gemacht und es beruhigt, wieder zu hören, dass auch der Buchdruck eine enorme technische Entwicklung war, die unabsehbare Folgen hatte. Herzlichen Gruß! | GNM_BLOG ANTWORTET: Ganz herzlichen Dank. Der Blick in die Vergangenheit hilft doch immer auch die Gegenwart besser zu verstehen und hat manchmal etwas Tröstliches :-)


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