#VW-Kolleg | 100 Jahre Galeriebau

#VW-Kolleg | 100 Jahre Galeriebau

Autor*innen unseres Forschungskollegs | 23.10.2020


Über die Entstehung des Galeriebaus vor 100 Jahren am Germanischen Nationalmuseum

Isabel Hauenstein M.A.

Vor knapp 100 Jahren eröffnete das Germanische Nationalmuseum den sogenannten Galeriebau. Sie können ihn auch heute noch besuchen! Das Gebäude befindet sich im Norden des Museumsareals am Kornmarkt und beinhaltet die Ausstellungen zum Mittelalter, der Ur- und Frühgeschichte und zu Renaissance, Barock, Aufklärung.


Projekt Galeriebau: Das Museum braucht mehr Platz

Mit Plänen für einen Neubau beschäftigte sich der Verwaltungsrat des Museums bereits seit 1911, also schon vor dem ersten Weltkrieg. Nach einigen Entwürfen und Vorarbeiten des damaligen Direktors Gustav von Bezold beauftragte der Vorstand schließlich den Architekten German Bestelmeyer mit diesem Projekt. Er war gebürtiger Nürnberger und entwarf für seine Geburtsstadt die Friedenskirche im Stadtteil St. Johannis, die Gustav-Adolf-Gedächtniskirche im Stadtteil Lichtenhof und die Melanchthonkirche im Stadtteil Ziegelstein.

Die Errichtung des zweigeschossigen Galeriebaus fiel in die Zeit des Ersten Weltkriegs und so vergingen acht Jahre bis zur Fertigstellung. Für Bauvorhaben in dieser Zeit herrschte Materialmangel und Handwerker standen kaum zur Verfügung, weil viele Kriegsdienst leisteten. So kam es, dass die Eröffnung nicht mehr in die Amtszeit Bezolds fiel, sondern eine der ersten Amtshandlungen seines Nachfolgers Ernst Heinrich Zimmermann am 11. Dezember 1920 war. Der finale Auf- und Ausbau fand Pfingsten 1921 seinen Abschluss.

Mit diesem Neubau erweiterte das Museum seine Präsentationsfläche um 30 Ausstellungsräume. Zwei Verbindungstrakte zu den älteren angrenzenden Museumsgebäuden wurden in den Jahren 1925/26 und 1933/34 errichtet.


Moderner Neubau – moderne Präsentation?

Die Besucher*innen betraten von nun an das Museum über den Kornmarkt und nicht mehr von der Kartäusergasse aus. Sie kamen als erstes in die sogenannte Ehrenhalle, in der heute die Gründungsgeschichte des GNM ausgestellt ist.

Architektonisch zitiert sie historische Bauformen, um die Gäste damals mit einer würdevollen Atmosphäre auf den Museumsbesuch einzustimmen. Sie zeigt eine Mischung aus antiken, romanischen und vorderasiatischen Motiven; ein großes Rundbogenfenster (seit 1967 Glasfenster von Georg Meistermann) zitiert beispielsweise römische Thermen-Architektur, und die Granitsäulen erinnern an die der Aachner Pfalzkapelle Karls des Großen.

Den nächsten Raum überfing ein großes Ziegelgewölbe und dort wurden Steinskulpturen präsentiert. Bis heute wird der Raum deshalb museumsintern „Lapidarium“ (lat. lapis, der Stein) genannt. Von hier aus konnten die Besucher*innen in die älteren Museumsteile oder in den Galeriebau weitergehen.

Der neu gewonnene Platz, sowohl Depot- als auch Ausstellungsfläche, erlaubte es den Kuratoren, die Objekte, die in den übrigen Museumsbauten teilweise sehr gedrängt aufgestellt waren, weiter auseinander zu stellen und sie dann im Galeriebau neu anzuordnen. „Hohe Kunst“ wurde hier von der Kultur getrennt und das spiegelt sich auch architektonisch in der Raumaufteilung wieder.

Das Erdgeschoss war relativ symmetrisch gegliedert, so dass die Besucher*innen die Räume in einem festgelegten Rundgang durchliefen, wobei sie sich zunächst Steinskulpturen und der kunstgewerblichen Sammlung widmen konnten.

In den ersten drei Sälen stand ein Querschnitt durch die Epochen der Gotik, der Renaissance und des Barock im Mittelpunkt. In den darauf folgenden wurden eher Fachsammlungen gezeigt, wie beispielsweise Gewebe oder Fayencen.

Farbwechsel in den verschiedenen Räumen machten eine klare thematische Trennung und zeitliche Abfolge deutlich: Ein „Grüner Saal“ zeigte Werke des Rokoko, ein „Roter Saal“ eine Sammlung von Gläsern, ein „Blauer Saal“ Objekte aus Zinn, Messing oder Bronze und ein „Gelber Saal“ kirchliches Kunsthandwerk.

Die Aufstellungen wurden also vornehmlich nach Materialgruppen vorgenommen und mit zeitlich passenden Möbeln, Bildern, Gobelins, Öfen, Glasmalereien oder Kronleuchtern ergänzt. Diese Ensembles aus verschiedenen Gattungen (Raumbilder) sollten den Besucher*innen einen Eindruck von der jeweiligen Epoche oder Kunsthandwerk vermitteln.

Eine besondere Steigerung erfuhren solche Präsentationsformen anderenorts in sogenannten Period Rooms, die Epochen oder Stile als eine Raumnachbildung zeigten, die auch die zeitgemäße Atmosphäre vermitteln sollte.

Raum mit gotischen Möbeln, EG des Galeriebaus, Aufnahme ca. 1927 

Renaissancesaal, EG des Galeriebaus, Aufnahme ca. 1921

„Roter Saal“, Aufnahme 1921

„Gelber Saal“, Aufnahme 1921

Das Obergeschoss des Galeriebaus war dagegen anders aufgebaut. Hier sollte die „hohe Kunst“, Gemälde und Skulpturen, gezeigt werden, weswegen Architekt Bestelmeyer sogenannte Oberlichtsäle plante und damit das Schema der großen europäischen Galeriebauten aufgriff wie beispielsweise das der Uffizien in Florenz oder der Alten Pinakothek in München.

Wie in den entsprechenden Galeriebauten werden die großräumigen Oberlichtsäle in einer Mittelspange von Seitenkabinetten flankiert, die kleinformatigere Objekte aufnahmen. Im Unterschied zu diesen war die Ausstattung der großen Säle eher zurückhaltend, um nicht von der konzentrierten Wirkung der Kunstwerke abzulenken.

Diese Räume gehörten in ihrer zurückhaltenden, klaren Form zu den modernen Museumsneubauten ihrer Zeit. Sie dienten alle als Ausstellungsfläche, allein in zwei Räumen wurden historische Ensembles eingebaut, die bis heute noch feste Bestandteile der aktuellen Dauerausstellung sind: so zum Beispiel die ein Deckengemälde aus Danzig und eine Kapelle aus dem 15. Jahrhundert.


Präsentationen im Wandel

Sind bunte Kabinette oder helle Säle besser geeignet? Fragen rund um die Art der Objektpräsentation wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts neu erörtert.

1927 wurde beispielsweise am Deutschen Museum in Berlin eine hitzige Debatte über Sinn und Bedeutung der sogenannten Lehrsammlungen geführt. Dieses Präsentationsprinzip orientiere sich an den Kunstgewerbemuseen, die – angegliedert an eine Kunstgewerbeschule – eine größtmögliche Vielfalt der Stilrichtungen und Materialien für die Lehre zeigten. Die damit verbundene Fülle an Objekten fand jedoch zunehmend Kritik und moderne Museumsleute forderten immer mehr eine gezieltere Auswahl und damit die Zusammenstellung unter kunsthistorischen Kriterien zu sogenannten Schausammlungen.

Eine Kommission am GNM, der unter anderem der frühe Museumspädagoge Alfred Lichtwark angehörte, legte diese Maßstäbe auch für den Galeriebau fest. Das Obergeschoss des Galeriebaus erweiterte das GNM also zum Kunstmuseum, indem er die Highlights der „hohen Kunst“ ausstellte.

In den Debatten ging es aber nicht nur um solche neue Darstellungsmethoden, sondern auch um die Bildungsaufgabe der Museen. Schlagworte waren neben Modernisierung auch Pädagogisierung und Popularisierung. Unter dieser Forderung kam es auch zu einer größeren Gründungswelle kulturhistorischer Regionalmuseen (Heimatmuseen). Sie hatten eine natur- und kulturbewahrende Zielsetzung und folgten einer Art „Rettungsgedanken“, wie auch Heimatschutzbewegungen.

Mit der Zeit wurde dieses Konzept zum führenden Paradigma im kulturhistorischen Museumswesen, der Bildungsauftrag gewann mehr an Bedeutung als die traditionellen, dokumentarischen und wissenschaftlichen Aufgaben von Museen.

Als Heinrich Kohlhaußen 1937 am Germanischen Nationalmuseum die Nachfolge von Zimmermann antrat, betonte er – ganz zeitgemäß – die museale Bildungsaufgabe. Trotz der Fortschrittlichkeit seines Vorgängers empfand er weite Teile des Museums immer noch als eine „aktzentlose Reihung und Häufung“ und nahm auch im Galeriebau nochmals Veränderungen vor. Er setzte das Streben Zimmermanns nach Klarheit und Übersichtlichkeit noch konsequenter um und so stand auch für ihn die Qualität der Werke als kunsthistorisches Ordnungskriterium und im Sinne der Schausammlungen an oberster Stelle:

„Wir haben den Mut zu werten und diese Wertung nicht für uns und unsere wissenschaftlichen Arbeiten zu behalten, sondern dem Laienbesucher sinnfällig zu machen.“

In Folge dessen ließ er farbige Anstriche entfernen, schwere, hölzerne Vitrinen durch schlichtere ersetzen und die Werke weniger eng hängen, so dass die Räume insgesamt noch klarer wirkten. Um die Jahrhundertwende war Hugo von Tschudi, damals Direktor der Berliner Nationalgalerie, einer der ersten gewesen, der helle Wände  zeigte und Räume damit neutralisierte; etwas, was zum Kanon wurde und sich bis zum White Cube entwickelte.

Waffen, EG des Galeriebaus, Aufnahme 1938/1939
    

Früh- und hochmittelalterliche Kunstwerke, EG des Galeriebaus, Aufnahme 1938/1939

Vitrine aus der Amtszeit Direktor Zimmermanns, Aufnahme zwischen 1921 und 1936

Vitrine aus der Amtszeit Direktor Kohlhaußens, Aufnahme 1939

Keine 20 Jahre nach der Vollendung des Galeriebaues brach der Zweite Weltkrieg aus. Minen, Druckwellen, Brand- und Sprengbomben zerstörten rund 70% des Museumsareals. Auch der Galeriebau nahm Schaden, allerdings in geringerem Ausmaß als andere Bereiche, sodass sein Wiederaufbau bereits im Oktober 1950 vollendet war.

Zerstörter Eingangsbereich am Kornmarkt, Aufnahme 1945 (Bernward Deneke (Hrsg.): Das Germanische Nationalmuseum Nürnberg 1852-1977. Beiträge zu seiner Geschichte. Nürnberg 1978.)

Das Oberschoss des Galeriebaus fungierte wieder als Gemäldegalerie und in Vorbereitung auf eine Dürer-Ausstellung 1971 modernisierte man den Bau in den 1960er Jahren und stattete ihn unter anderem mit einer Belüftungs- und Befeuchtungsanlage aus.


Ausstellungen heute


Die Präsentation der 1970er Jahre endete erst 2004 mit einer Sanierung des Galeriebaus und mit der Neukonzeption der Dauerausstellungen: Mittelalter ist seit 2006 im Erdgeschoss und Renaissance, Barock, Aufklärung seit 2010 im Obergeschoss zu sehen.

Die Oberlichtsäle sind ihrem Ursprung entsprechend wieder mit Malerei und Skulptur bestückt, die übrigen Räume zeigen vornehmlich in gattungsübergreifender Präsentation verschiedene andere Sammlungsbereiche. Die insgesamt zurückhaltende Gestaltung der Ausstellungseinrichtung greift den Grundgedanken von 1920 wieder auf.

Die Heterogenität von Kunst und Kultur soll aber nicht in herkömmlichen Epochengrenzen und „Schubladen“ verstanden werden. Daher spielt auch die Wandfarbe wieder eine Rolle: Im Vergleich zu früher ist sie jetzt im gesamten oberen Stockwerk einheitlich in Blautönen gehalten – im Gegensatz zu damals geht es aber nicht nur um eine chronologische und regionale Ordnung. Übergreifende Entwicklungslinien durch die drei Jahrhunderte werden mit den zwei Leitthemen „Sammeln“ und „Repräsentieren“ dargestellt und auch architektonisch mit Raumfluchten deutlich gemacht.

Aktuell entwickelt das GNM neue Vermittlungsformate, die als offener Dialog zwischen den Besucher*innen und dem Museum verstanden werden wollen. Vermittlungsarbeit wird inzwischen als integraler Bestandteil der Institution Museum und ihres Bildungsauftrages verstanden – etwas, was in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts noch nicht selbstverständlich war. Aber damals wie heute wird diskutiert, wie wissenschaftliche Ergebnisse an den Bedürfnissen der unterschiedlichen Zielgruppen orientiert und vermittelt werden können, wie der Dialog zwischen Besucher*innen, den Objekten und Ausstellungen gestaltet wird.

Auf was achten Sie beim Besuch einer Ausstellung? Was sind für Sie museale Highlights? Welche Präsentationen und Vermittlungsangebote sind Ihnen nachhaltig in Erinnerung geblieben?

© Alles Fotos stammen aus der Fotothek des GNM


Kategorie: Perspektiven |

Schlagworte: Ausstellung | Kulturgeschichte | Museum |

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