Wohnen im Mittelalter

Wohnen im Mittelalter

Dr. Katrin Herbst | 17.07.2020


#stayathome im mittelalter | wohnen

Ob per Skype-Konferenz, Live-Konzert oder YouTube-Video – in den letzten Monaten waren wir zu Gast in vielen fremden Wohnzimmern. Der Blick durch das digitale Schlüsselloch führte uns direkt in den Alltag anderer Menschen. Denn ein Wohnzimmer spiegelt mehr als den persönlichen Geschmack oder den Kontostand seiner Bewohner wider. Es zeigt auch, welches Leben man lebt, womit man seine Zeit verbringt, was einem wichtig ist. Funktioniert eine solche Bestandsaufnahme des Alltags auch über viele Jahrhunderte hinweg? In unserer DigitalStory "Alltag im Mittelalter" haben wir die Menschen im 15. Jahrhundert – zumindest im übertragenen Sinne – zu Hause besucht.

Manche ihrer Wohnhäuser stehen ja heute noch. Sie haben die Anfechtungen der Zeit, zahlreiche Umbauten nach vorherrschendem Zeitgeschmack und den Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs wie durch ein Wunder überlebt. Ihre in Maklerbroschüren viel gepriesene „historische Bausubstanz“ schmückt unsere Städte und verleiht Edelboutiquen, Cafés und Souvenirläden das passende Ambiente. Doch wie lebten die Menschen, die diese Häuser einst für sich und ihre Familien gebaut haben? Wie fühlte sich der Alltag in unseren Städten vor über 500 Jahren an? Und wie lässt sich überhaupt rekonstruieren, wie die Menschen damals wohnten?


Dem Mittelalter in die Wohnstube geschaut


Ein wichtiger Ausgangspunkt unserer Spurensuche war der erhaltene Flügel eines Altaraufsatzes. Altar und Alltag? In den Gemälden des Spätmittelalters kein Widerspruch. Dargestellt ist die biblische Geschichte von Maria Magdalena, die Christus bei einem Gastmahl die Füße salbt. Der Maler, der im südlichen Bayern tätige Gabriel Mälesskircher, erzählt uns darüber hinaus eine zweite Geschichte. Denn er hat das biblische Geschehen in eine Bürgerstube des 15. Jahrhunderts versetzt. Mit der Genauigkeit eines Chronisten hält er Details des Raumes fest, die uns viel über den Alltag im Mittelalter verraten. Natürlich darf man nicht alles wörtlich nehmen, was hier zu sehen ist. Zu sehr sind solche Gemälde auf eine bestimmte Bildwirkung hin kalkuliert, das Ergebnis von vielfältigen Entscheidungen des Künstlers – oder seiner Auftraggeber. Dennoch geben sie uns eine Fülle von Hinweisen zu ihrer Zeit. Verbunden mit überlieferten Quellen, erhaltenen Einrichtungsgegenständen und anderen historischen Zeugnissen lässt sich daraus eine Vorstellung entwickeln, wie der Alltag zu jener Zeit ausgesehen hat.


Reduktion auf das Wesentliche


Auf den ersten Blick fällt vor allem eines auf: Die Leere des Raums. Es ist jedoch nicht die Art von Kargheit, die mit Armut einhergeht. Im Gegenteil: Auf Wandborden sind edle Glasbehälter, Zinnkannen und kunstvoll gearbeitete Messingschüsseln aufgereiht. Und der Fasan, der das Essen als Festmahl kennzeichnet, galt auch damals nicht als Arme-Leute-Essen. Ohne Zweifel, wir sind zu Gast in gutem Hause. Und dennoch wirkt der Raum im Vergleich zu unseren Wohnzimmern beinahe leer.

Der Grund dafür ist einfach: Der mittelalterliche Mensch umgab sich mit sehr viel weniger Dingen. Sicherlich gibt es – damals wie heute – Schwankungen zwischen Arm und Reich. Das betrifft aber vor allem die Qualität, weniger die Quantität. Ein moderner Westeuropäer besitzt angeblich im Schnitt etwa 10.000 Dinge. Wir horten Kram, betreiben Einkaufen als Zeitvertreib und dekorieren unsere Wohnung. Überhaupt: Es gibt ganze Läden nur für Dekoartikel. Kaum zu glauben für einen mittelalterlichen Menschen!


Purismus auch beim Essen


Der Minimalismus gilt in unserem Bild auch für das Essen – laut biblischer Geschichte immerhin ein Gastmahl. Der Maler wird seine Gründe gehabt haben, warum er sich auf wenige Nahrungsmittel in seinem Bild beschränkt. Als Beilage zum Fasan gibt es einfaches Weißbrot. Tatsächlich spielte Brot eine wichtige Rolle bei der Ernährung. Es wurde meist aus Roggen, Dinkel oder Hafer gebacken und war entsprechend dunkel. Reiche bevorzugten dagegen helles Weizenbrot. Vom lateinischen „simila“ – dem lateinischen Wort für Weizenmehl – leitet sich übrigens das Wort Semmel ab.


Besteck im Gepäck

Was ebenfalls auffällt: Es liegen keine Gabeln auf dem Tisch. Hierfür gibt es eine ganz einfache Erklärung – es gab sie zu der Zeit schlicht und ergreifend nicht. Zum Essen verwendete man das ganze Mittelalter hindurch allein Löffel und Messer. Die Gabel gesellte sich erst im Laufe des 16. Jahrhunderts zu unserem Essbesteck. Außerdem war es üblich, dass jeder sein eigenes Besteck besaß und auch bei sich trug. Bei Einladungen wurden Teller und Becher aufgedeckt, Messer und Löffel steuerte jeder selbst bei. Die Gäste brachten ihr Besteck in oft kunstvoll verzierte Futterale aus Leder mit. Für den Gastgeber äußerst praktisch – auf diese Weise ersparte man sich den Abwasch.


Der größte Luxus ist unsichtbar

Apropos waschen: Ein Luxusgegenstand auf unserem Bild ist uns so vertraut, dass er kaum als solcher erkennbar ist: das Waschbecken. Auf den ersten Blick nichts Besonderes. Interessant wird es erst durch die Tatsache, dass Privathäuser im 15. Jahrhundert noch keinen Wasseranschluss hatten. Jeder Liter, den man trank, zum Kochen, Putzen oder für die eigene Hygiene verwendete, musste erst einmal von einem der vielen öffentlichen Brunnen ins eigene Haus getragen werden.


Wasser aus dem Wandschrank

Offenbar ist der Traum vom fließenden Leitungswasser älter als die technischen Möglichkeiten dazu. Ein solcher Waschkasten funktionierte ganz einfach nach dem Prinzip der Schwerkraft. Im oberen Teil befand sich ein Wassertank, der mit Brunnenwasser gefüllt wurde. Drehte man den Hahn auf, lief frisches Wasser ins Becken, man konnte sich bequem die Hände waschen. Das Abwasser floss entsprechend nicht in ein Kanalsystem, sondern in einen Auffangbehälter im unteren Teil des Schranks. Von dort musste es dann wieder entsorgt werden.


Mittelalterliches Craft-Beer

Trinkwasser aus dem öffentlichen Stadtbrunnen – kein angenehmer Gedanke, vor allem in Zeiten der Pest oder anderer Seuchen. Deshalb war Bier – neben Wein – im Mittelalter das am meisten verbreitete Getränk. Durch den Brauvorgang konnten die Bakterien aus dem städtischen Trinkwasser weitgehend abgetötet werden. In gewisser Hinsicht war Bier damit eine gesündere Alternative zum Wasser. Aufgrund seines relativ geringen Alkoholgehalts galt es sogar als geeignetes Getränk für Kinder. Bier wurde übrigens zu der Zeit meist privat gebraut. Es gehörte wie das Zubereiten und Konservieren von Lebensmitteln zu den Aufgaben der Hausfrau.


Wie gemütlich war das Mittelalter?

Eine Frage, die uns kein Bild beantworten kann, ist die nach dem eigentlichen Wohngefühl im Mittelalter. Empfanden die Menschen ihre Häuser als „gemütlich“? War das überhaupt ein Kriterium, das für sie eine Rolle spielte? Eines ist sicher: Das Sofa, der Inbegriff unserer feierabendlichen Entspannung, war noch nicht erfunden. Schwer vorstellbar, denn aus unserem Alltag ist es kaum wegzudenken.

Mälesskircher zeigt ein anderes Möbelstück: eine mittelalterliche Wendebank. Gemütlich sieht anders aus, aber als Multifunktionsmöbel waren Wendebänke äußerst effizient. Unter ihrem Sitz befand sich meist Stauraum für allerlei Hausrat. Der eigentliche Dreh: Die Rückenlehne ließ sich durch das seitliche Gelenk einfach umklappen. Dadurch konnte man von beiden Seiten darauf sitzen. Das klingt erst einmal banal, konnte aber einen großen Komfortgewinn bedeuten. Etwa, wenn man sich ohne viel Möbelrücken nach dem Essen näher dem wärmenden Ofen zuwenden wollte.


Wohnen von außen betrachtet

In unserer Sammlung bewahren wir ein weiteres Bild, das viel über das Wohnen im Mittelalter verrät. Auch hier ist es wieder ein Altarflügel, auf dem eine Szene aus dem damaligen Alltag geschildert wird. Dargestellt ist der für das Jahr 1476 überlieferte Raub geweihter Hostien aus einer Regensburger Kirche. Für unsere DigitalStory war das Bild deshalb spannend, weil es einige Themen berührt, die beim Blick in die Stube fehlen. Zunächst einmal führt uns die Brunnenszene direkt vor Augen, was es hieß, keinen eigenen Wasseranschluss zu haben. Vor allem aber lässt es uns einen Blick von außen auf die Häuser werfen. Und damit fällt ein Detail ins Auge, das für das Wohngefühl eine ganz entscheidende Rolle spielt: Fensterglas.


Licht oder Wärme?

Großflächiges Fensterglas gab es im Mittelalter nicht. Fenster wurden – vor allem im Erdgeschoss – zum Schutz vor Einbrechern vergittert und blieben offen. In der kalten Jahreszeit liefen die Bewohner allerdings Gefahr, dass die mühsam dem Ofen abgerungene Wärme gleich wieder durch das offene Fenster abzog. Deshalb verschloss man die unverglasten Fenster der Wohnräume mit Holzläden – oder Leinen, geöltem Papier oder Pergament. Anders als Holz machten diese dünneren Materialien den Innenraum immerhin nicht gleich zappenduster; allerdings konnte man ohne künstliches Licht bei geschlossenen Fenstern kaum einer vernünftigen Tätigkeit nachgehen. Jahrhundertelang musste man sich entscheiden zwischen Tageslicht oder Wärme.

Im 14. Jahrhundert setzte sich immer mehr die Verglasung von Wohnhäusern mit sogenannten Butzenscheiben durch. Bleiruten hielten diese kleinen, kreisförmigen Glasscheiben zusammen, so dass auch größere Fensteröffnungen mit ihnen geschlossen werden konnten. Für den Wohnkomfort ein doppelter Gewinn: Die Hausbewohner waren besser vor Kälte geschützt und hatten genügend Licht in ihren Räumen. Noch heute kennen wir Butzenscheiben als rustikal-altmodisches Architekturzitat, meist in Wirtshäusern oder Kneipen. Im Mittelalter waren sie ein Zeichen von Reichtum und fanden sich vorwiegend in hochherrschaftlichen Häusern wie im Bild mit der Brunnenszene.

 


Andere Zeiten – andere Bedürfnisse

Vieles von dem, was wir über die Wohnkultur des Mittelalters wissen, klingt nach heutigen Maßstäben nach Verzicht und Beeinträchtigung. Allerdings dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass sich auch die Bedürfnisse und Lebensweisen der Menschen im Laufe der Jahrhunderte verändert haben. Wohnen und Arbeiten fanden im Mittelalter zwar – mehr als heute – unter einem Dach statt: Händler hatten ihre Läden, Handwerker ihre Werkstätten im Erdgeschoss ihrer Wohnhäuser. Aber das, was wir heute als „Freizeit“ bezeichnen, fand im Mittelalter viel mehr außerhalb des Hauses statt. Die Menschen besuchten gemeinsam die Messe, entspannten sich im Badehaus, oder verbrachten ihre Zeit mit Gleichgesinnten im Wirtshaus. Mehr als fraglich, ob ein Abend allein auf der Couch für die Stadtbewohner des 15. Jahrhunderts überhaupt erstrebenswert gewesen wäre.

Unsere erste DigitalStory Alltag im Mittelalter ist in dieser Woche online erschienen. 
Beim nächsten Mal geht es um ein Thema, das schon immer die Gemüter erregte: die Liebe.

 


Kategorie: Digital |

Schlagworte: Mittelalter | Kulturgeschichte | Wohnen |

Dr. Katrin Herbst, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Aktionsplan der Leibniz Forschungs-Museen

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Kommentare

04.08.2020 | Gaby Wein

Sehr geehrte Damen und Herren, in der DigitalStory Alltag im Mittelalter "Stadt & Land" schreiben Sie zum Waldplan von Nürnberg: "Erhard Etzlaub, zugeschrieben), Nürnberg um 1455". Das kann aber doch schwer sein; wurde Etzlaub nicht erst um 1460 geboren? In der Ausstellung von 2014 wurde noch 1516 als Datum des Plans angegeben. | KATRIN HERBST ANTWORTET: Liebe Frau Wein, 1516 stimmt auch heute noch – was wären wir ohne unsere aufmerksamen Leser*innen! Wir haben tatsächlich anstelle des Waldplan-Entstehungsdatums das Geburtsdatum ihres Schöpfers genannt. Der Fehler wird umgehend behoben. Vielen Dank!


02.08.2020 | Dr. Lore Gewehr MA

Sie sagen gar nichts zu dem Büschel aus Pfauenfedern? Gruß LG | KATRIN HERBST ANTWORTET: Liebe Frau Dr. Gewehr, so ein Fächer gehört nicht zur üblichen Ausstattung einer mittelalterlichen Bürgerstube, deshalb haben wir ihn nicht weiter erwähnt – holen das aber gerne an dieser Stelle nach: Es handelt sich um ein sogenanntes Flabellum. Diese – tatsächlich oft aus Pfauenfedern hergestellten – Fächer wurden im Mittelalter während der Messe oder bei Prozessionen eingesetzt. Sie dienten der Kühlung und der Fliegenabwehr. Dass sich ein solches liturgisches Gerät in eine Bürgerstube verirrt, ist wohl als dezenter Hinweis auf den außergewöhnlichen Gast zu verstehen.


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