Der verbrannte Wolgemut

Der verbrannte Wolgemut

Dr. Benno Baumbauer | 07.05.2020


Der verbrannte Wolgemut - eine Wiederentdeckung

Ein Fund im Denkmalarchiv Dr. Nagel


November 2018. Wie so oft war ich eigentlich auf der Suche nach etwas anderem, als ich meinen Zufallsfund machte. Christian Forster, ein Leipziger Kollege, schrieb einen Aufsatz  über die Nürnberger Burgkapelle. Er bat mich, für ihn in der Graphischen Sammlung der Stadt Nürnberg nach historischen Aufnahmen architektonischer Details der kaiserlichen Kapelle zu recherchieren. Ein klarer Fall für das Denkmalarchiv Dr. Nagel.

 

Der Architekt und Fotograf Dr. Friedrich August Nagel hatte noch vor dem Ersten Weltkrieg begonnen, die Bau- und Kunstdenkmäler in Nürnberg und Umgebung umfassend fotografisch zu dokumentieren. Sein Bildarchiv ist eine wertvolle Quelle für die Architekturgeschichte des Nürnberger Landes, gerade was Bauten betrifft, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Die Originalnegative bewahrt das Stadtarchiv auf, während die Graphische Sammlung alte Abzüge besitzt.

Kapsel No. 11 enthält Schwarz-Weiß-Fotos der Nürnberger Burgkapelle: archaisch anmutende Ornamente, elegante Marmorsäulen, kunstvolle Kapitelle. Bei der Durchsicht stieß ich auf die Aufnahmen eines spätgotischen Retabels. Die Gemälde dieses Flügelaltars verbrannten im April 1945 auf der Cadolzburg, wohin man sie zum Schutz vor Bombardierungen ausgelagert hatte. Die bislang unbekannten Fotos dokumentieren die einzelnen Gemälde detailliert und in verhältnismäßig guter Qualität.

Das Retabel Friedrichs III. vor seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg (Fotos: Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg):

Burgretabel
gesamtansicht
       
    
Burgretabel
Marienkrönung
Burgretabel
geburt christi
burgretabel
auferstehung christi
burgretabel
hl. andreas

Vier heilige Kaiser*innen in der Nürnberger Burgkapelle


2010/11. Erstmals aufmerksam wurde ich auf das Retabel durch vier Heiligenfiguren, die sich bis heute in der Oberkapelle der Nürnberger Kaiserburg befinden. Bei allen vier Dargestellten handelt es sich um Personen aus kaiserlichem Haus: Heilige und Herrscher*innen in Personalunion.

Im Zentrum sind Heinrich und Kunigunde aufgestellt, die Schutzpatrone des für Nürnberg zuständigen Bistums Bamberg – und ein Kaiserpaar aus dem Geschlecht der Ottonen. Begleitet werden sie von Kaiser Karl dem Großen, der als Neubegründer des Heiligen Römischen Reichs besondere Verehrung genoss. Und von Kaiserin Helena, der Mutter Konstantins des Großen, die der Legende nach das Wahre Kreuz Christi aufgefunden haben soll.

Die vier Bildwerke gehörten ursprünglich zu einem Altarretabel, das auf dem nördlichen Seitenaltar der Oberkapelle aufgestellt war. Während sie den Zweiten Weltkrieg überlebten, verbrannten das Schreingehäuse wie auch die bemalten Flügel des Retabels.

So viel geballte kaiserliche Herrlichkeit! Und das in der Kapelle der Reichsburg, dem Kaisermonument schlechthin in Nürnberg. Über Jahrhunderte residierten die Könige und Kaiser auf der Veste, wenn sie in der Reichsstadt Hof hielten. Die doppelgeschossige Burgkapelle war das sakrale und ideologische Herzstück der Anlage. Die Skulpturen der vier heiligen Kaiser*innen gehören also in das typisch mittelalterliche Spannungsfeld zwischen Sakralität und Macht.


Das Burgkapellenretabel Friedrichs III.: ein kaiserlicher Auftrag


Immerhin wusste man, dass hinter dem sakral-politischen Bildprogramm der Skulpturen selbst ein Kaiser steckte. Im 19. Jahrhundert fand August von Essenwein, Vorstand des Germanischen Museums, im Sepulcrum des Altars die Weiheurkunde. Demnach war es der Habsburger Friedrich III., der den Altar 1487 in seinem Beisein weihen ließ. Damit muss er auch der Stifter des Retabels gewesen sein.

Friedrich III. regierte von 1452 bis 1493 volle 41 Jahre. Der wohldurchdachten künstlerischen Selbstdarstellung des am längsten regierenden Kaisers des Mittelalters widmete die Forschung in den letzten Jahren große Aufmerksamkeit. Auch Nürnberg bietet hierfür Beispiele: Für den Hallenchor von St. Lorenz stiftete der Kaiser um 1476/77 ein monumentales Glasfenster, das den prominentesten Platz in der Mittelachse der Kirche einnimmt. Auf rund 7x3 m entfaltet sich die volle kaiserliche Pracht (s. Titelbild).

Friedrich III. erscheint dort gemeinsam mit seiner bereits verstorbenen Gemahlin Eleonora von Portugal unter einem gewaltigen Ehrenbaldachin, umgeben von den Wappen ihrer Herrschaftsterritorien. Weiter oben sind Szenen aus Legenden von Heiligen dargestellt, die wiederum durchwegs kaiserlichen Ranges waren, wie wir es von den Skulpturen in der Burgkapelle kennen. Auf diese Weise inszenierte sich der Kaiser als legitimer Nachfolger seiner heiligen „Amtsvorgänger“.

Geliefert wurde das Kaiserfenster von Michael Wolgemut. Seine Signatur findet sich am Saum des Mantels des byzantinischen Kaisers Heraklius.


Ein wiederentdeckter Wolgemut


Frühjahr 2019. Inzwischen liefen die Vorbereitungen zur Wolgemut-Ausstellung auf Hochtouren. Seit Wochen hatte ich mich in die Gemälde der Wolgemut-Werkstatt „eingesehen“. Eher zufällig kamen mir die Fotos des Burgretabels noch einmal in die Hände. Insbesondere die Gesichter auf den verbrannten Gemälden wiesen deutliche Ähnlichkeiten zu denen der Wolgemut-Werkstatt auf. Offensichtlich hatte ich einen „verlorenen Wolgemut“ wiederentdeckt.

Spätgotische Malerwerkstätten arbeiteten mit einem Repertoire an sogenannten Kopftypen. Wolgemuts Mitarbeiter gestalteten die Physiognomien ihrer Figuren häufig mithilfe sehr ähnlicher Formeln. Neben künstlerischen Routinen ist dies der Verwendung gezeichneter Vorlagen geschuldet. Der Betrieb verfügte über einen umfangreichen Schatz an Entwurfszeichnungen, Studien und Skizzen – gleichsam das Bildgedächtnis der Werkstatt. Wie Samples kombinierten die Maler Figurenfindungen und Kopftypen immer wieder neu.

Nur durch akribisches Vergleichen mit anderen Gemälden ist es möglich, ein Werk einer bestimmten Werkstatt oder gar einem speziellen Mitarbeiter innerhalb des Betriebs zuzuschreiben. Auf diesem Wege gelang es, den Werkstattmitarbeiter zu identifizieren, der federführend für die Malereien des Retabels zuständig war.

Zwar kennen wir ihn nicht namentlich, doch muss er innerhalb der Werkstatt eine bedeutende Stellung innegehabt haben. Er führte eine Reihe von Aufträgen weitgehend in Eigenregie aus, darunter Teile des Peringsdörffer-Retabels in der Nürnberger Friedenskirche, das Katharinenretabel des Levinus Memminger oder das Keiper-Epitaph in St. Lorenz.


Ein kaiserliches Bildprogramm

Etwa zehn Jahre nach der Entstehung des Kaiserfensters von St. Lorenz wandten sich Friedrich III. bzw. seine Agenten also erneut mit einem Auftrag an Michael Wolgemut. Der Kaiser erkannte das ideologische Potenzial, das der Nürnberger Burgkapelle innewohnte.

Durch die Errichtung seines Retabels markierte er die kaiserliche Kapelle für sich. Dadurch stellte er sich in die Tradition seiner Vorgänger auf dem Thron. Noch dazu stand im Jahr der Altarstiftung ein Reichstag in Nürnberg bevor. Sicherlich sollte das neue Retabel in diesem Kontext präsentiert werden. Nicht zufällig wählte der Kaiser für die Aufstellung den nördlichen Seitenaltar. Gegenüber in der Westwand hatte er einen neuen Zugang zur Kapelle schaffen lassen, sodass der Blick jedes Eintretenden sogleich auf seine Stiftung fiel.

Das Bildprogramm der verbrannten Gemälde erscheint künstlerisch wie inhaltlich zunächst eher konventionell. Waren die Flügel geöffnet, sah man vier der Freuden Mariens: die Verkündigung an Maria und die Marienkrönung, die Geburt Christi und die Auferstehung. Es handelt sich um schlichte Kompositionen, die fast ohne besondere erzählende Elemente auskommen. Jedoch lässt sich auch auf den Fotografien noch erkennen, dass die Gemälde mit einem reich verzierten Goldgrund geschmückt waren.

Bei geschlossenen Flügeln waren die Darstellungen noch schlichter: 16 Heiligenfiguren standen einander gegenüber; weitere erschienen als Brustbilder auf der Predella. Waren auf den Flügelinnenseiten noch vereinzelte Landschaftselemente und Raumrequisiten sichtbar, so standen die Heiligenfiguren vor simplen Brüstungsmauern. Eine Stiftung von kaiserlichem Anspruch stellt man sich eigentlich anders vor!

Erst bei genauerer Analyse gibt sich die politische Programmatik zu erkennen. Sie liegt in der Auswahl der dargestellten Heiligen begründet. Einige von ihnen stehen in engem Bezug zu Friedrich III., zum Hause Habsburg und zu dessen Erblanden. An erster Stelle ist der Heilige Leopold zu nennen, der Landespatron von Österreich, dem Stammland der Habsburger. Friedrich III. zählte den Babenberger Herzog zu seinen Vorfahren. Seine Heiligsprechung hatte der Kaiser erst zwei Jahre zuvor erfolgreich durchgesetzt.

Ebenso signifikant ist die Darstellung des Heiligen Christophorus, der gemeinsam mit dem Apostel Andreas, dem Landesheiligen Niederösterreichs, an der Predella erschien. Ebenso wie Helena und Karl der Große finden sich beide auch am Kaiserfenster in St. Lorenz. Christophorus gilt als der persönliche Lieblingsheilige Friedrichs III. Am Burgretabel trug er einen Herzogshut, in Anspielung auf den Titel des „Erzherzogs von Österreich“, den die Habsburger für sich erfanden.

Das verbrannte Burgkapellenretabel Friedrichs III. war also ein Medium der kaiserlichen Repräsentation. Durch Denkmalsetzungen wie diese verliehen die herrschenden Eliten im Zeitalter vor den Massenmedien ihrem Machtanspruch und ihrem Herrschaftsverständnis Ausdruck.

Die vielen Mosaiksteine ermöglichten die Rekonstruktion des Retabels und lieferten zudem ein weiteres Werk in der vielfältigen künstlerischen Produktion Michael Wolgemuts und seiner Werkstatt. Wolgemut zählte zu den bedeutendsten Malerunternehmern, die das spätmittelalterliche Kunstschaffen nachhaltig prägten.


Wolgemut nach der Wiedereröffnung des GNM

Umso mehr freuen wir uns, die Präsentation Michael Wolgemut und die Nürnberger Kunst seiner Zeit als Station der Ausstellung "Michael Wolgemut – mehr als Dürer Lehrer" nach der Wiedereröffnung des GNM am 12.05.2020 noch eine Weile zeigen zu können.


Kategorie: Perspektiven |

Schlagworte: Mittelalter | Forschung | Michael Wolgemut |

Dr. Benno Baumbauer, Sammlungsleiter Gemälde bis 1800 und Glasmalerei

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