#Dürer550 - Die Gemälde im GNM

#Dürer550 - Die Gemälde im GNM

Dr. Benno Baumbauer | 14.05.2021


Albrecht Dürer – Maler, Graphiker, Entwurfskünstler

Wie ein Paukenschlag bilden die Dürerräume den Auftakt der Dauerausstellung Renaissance, Barock, Aufklärung. Um ein Gesamtbild der Epoche zu vermitteln, stellt das GNM Dürers Werke in Dialog mit Gemälden und Skulpturen seiner Zeitgenossen sowie kunst- und kulturhistorischen Objekten aller Art. Zugleich wird der Allroundkünstler ganz bewusst in der Vielseitigkeit seines Schaffens präsentiert.

Neben den eigenhändigen Gemälden sind auch Werke ausgestellt, bei denen Dürer die Rolle des Entwerfers zukam, namentlich zuvorderst der Drachenleuchter aus dem Nürnberger Rathaus sowie zwei exzeptionelle Glasgemälde: Sie zeigen den Kleriker Sixtus Tucher mit mahnender Geste vor seinem eigenen Grab, während der reitende Tod mit seinem Bogen auf ihn anlegt. Ein Memento Mori par excellence.


Dürerwerke in Nürnberg – die Geschichte eines Verlustes

Das GNM besitzt sieben Originalgemälde Albrecht Dürers: drei Porträts, die beiden Kaiserbilder, ein Epitaph und das einzige Gemälde mit antik-mythologischem Inhalt, das sich von dem Renaissancemaler erhalten hat. Es ist bezeichnend für die Geschichte der Dürerwerke in Nürnberg, dass von diesen Gemälden die wenigsten durchgehend in seiner Heimatstadt verblieben.

Dürer war bereits zu Lebzeiten ein international gefeierter Star. In der Frühen Neuzeit gehörten seine Werke zu den gefragtesten Sammelobjekten in Europa. Mächtige Fürsten wie Kaiser Rudolph II. und Herzog Maximilian I. von Bayern übten massiven Druck auf die Nürnberger aus, die so gezwungen waren, ein Dürergemälde nach dem anderen zu veräußern. Die meisten seiner Gemälde im GNM wurden auf dem überregionalen Kunstmarkt erworben oder sind Dauerleihgaben der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Nur die Kaiserbilder befinden sich bis heute im Eigentum der Stadt Nürnberg, deren Vorgängerinstitution, der Nürnberger Rat, sie ursprünglich in Auftrag gegeben hatte.

Sinnbild für diese Zeitenläufte ist der prächtig geschnitzte, doch irritierend leere Renaissance-Rahmen, der die Dürersektion im Galeriebau einleitet. Dürer hatte ihn für das gemalte Allerheiligenbild der Nürnberger Landauerkapelle entworfen. Ein namentlich nicht bekannter Schnitzer fertigte den Figurenschmuck mit dem jüngsten Gericht. 1585 erwarb Kaiser Rudolph II. das gemalte Altarbild für seine Prager Sammlungen, von wo es später ins Kunsthistorische Museum in Wien gelangte.

Der kostbare Rahmen verblieb in Nürnberg – er war eben kein eigenhändiges Werk des verehrten Künstlergenies. Durch seine Aufstellung mitten im Raum erinnert er an die für die Nürnberger bisweilen bis heute schmerzhafte Verlustgeschichte der Düreroriginale. Die Malerin Maria Schöffmann schuf im ausgehenden 19. Jahrhundert in jahrelanger Arbeit eine Kopie des Allerheiligenbildes, die das GNM getrennt vom Rahmen ausstellt.


Dürer – ein selbstbewusster Künstler

„Albrecht, in deutschen Landen hochberühmter Maler, insbesondere dort, wo Nürnberg sein hohes Haupt in den Himmel erhebt. Du bist für uns ein zweiter Phidias und zweiter Apelles, oder wie einer der anderen, welche das gelehrte Griechenland für ihre Künstlerhand bewundert.“
(Conrad Celtis, Libri Quinque Epigrammatum, um 1500)

Zwar besitzt das GNM keines der berühmten Selbstbildnisse Dürers, doch wird vermutet, dass er sich in dem Gemälde mit dem Kampf des Herkules gegen die Stymphalischen Vögel selbst darstellte (s. Titelbild). Der Göttersohn erscheint als muskulöse Rückenfigur und zeigt die Gesichtszüge und die wallende Haarpracht Dürers. Damit stellte sich der Künstler in die Nachfolge des berühmten antiken Malers Apelles: Von diesem ist überliefert, er habe ebenfalls einen Herkules in Rückenansicht gemalt, von dem aber dennoch das Gesicht zu sehen war.

Ein eindrucksvoller Beleg für das ausgeprägte Selbstbewusstsein des jungen Dürer. Das Gemälde, das die Vögel vom See Stymphalos als harpyienhafte Mischwesen zeigt, ist das einzige mit antik-mythologischem Inhalt, das von ihm erhalten ist. Leider hat das empfindliche Leinwandbild viel von seiner Wirkung verloren. Auftraggeber und Bestimmungsort lassen sich nicht mehr mit Gewissheit feststellen.

Die Holzschuhersche Beweinung steht für die Tradition, in der Dürer als Künstler aufwuchs: Zumindest bis zur Reformation, die in Nürnberg 1524/25 eingeführt wurde, war sakrale Kunst das bestimmende Tätigkeitsfeld nahezu aller Maler im christlichen Europa. Das gilt auch für Dürer.

Das Gemälde schildert die Beweinung Christi nach der Kreuzigung. Dürer versetzt das Geschehen in eine eindrucksvolle Landschaftsszenerie. Bildbeherrschend inszeniert er den Leichnam Jesu, der im Mittelalter als Fronleichnam sehr verehrt wurde. Die Ratsfamilie Holzschuher bestellte das Werk als Epitaph – also als Totengedächtnisbild – für ihre Grablege in der Nürnberger Sebalduskirche. Anlass war vermutlich der Tod von Gerhaus († 1499), der Witwe Karl III. Holzschuhers, die beide gemeinsam mit ihren Kindern als Gedächtnisfiguren am unteren Bildrand erscheinen. Die Holzschuher gehörten zu den ältesten und angesehensten Ratsgeschlechtern Nürnbergs. Dass Dürer einen derart prominenten Auftrag von dieser vornehmen Familie erhielt, zeugt von dem enormen Ansehen, das er sich bereits als junger Maler erworben hatte.

„Dis·ist·keiser·karlus·gstalt·/ sein·kran·vnd·kleidung manigfalt·/ zu·nurenberg·offenlich·zeige(n)·wirt·/ mit·anderm·heiltum·wie·sich·gepirt“
(Bildnis Karls des Großen, Inschrift am Rahmen)

Noch wesentlich prestigeträchtiger war der Auftrag über die beiden monumentalen Kaiserbilder. Dürer erhielt ihn auf der Höhe seines Ansehens vom Nürnberger Rat. Die Gemälde zeigen den Reichsgründer Karl den Großen, frontal, würdig und streng, und Sigismund, der 1424 die Reichskleinodien nach Nürnberg bringen ließ. Einmal im Jahr wurde der königliche Krönungsschatz im Rahmen der sogenannten Heiltumsweisung auf dem Nürnberger Hauptmarkt dem Volk gezeigt. In der Nacht zuvor bewahrte man die Kleinodien in einem benachbarten Anwesen in einem Schrein auf, als dessen Türblätter Dürers Tafelbilder dienten. Obwohl eigentlich alle Stücke aus dem Krönungsschatz jüngeren Datums sind, setzte Dürer Karl den Großen als ihren ersten Träger in Szene. So wollte man eine materielle Verbindung zwischen Karl, dem heiligen Gründervater des Reichs, und dem jeweils regierenden König herstellen. Dürer hatte den Reichsschatz, wie die Krone, das Reichsschwert, den Reichsapfel und den Krönungsmantel, penibel studiert und setzte die Insignien detailgetreu ins Bild.


Drei Schlüsselfiguren aus Dürers Leben

„Nachvolgende Stuck hat Albrecht Durer eygentlich gemalt / no 19 erstlich zwoe tafel, ist sein vatter, das ander sein mueter, oelfarb, hat mir Endres Durerin geschafft“
(Willibald Imhoff, Inventar von 1573)

Die drei Bildnisse Dürers im GNM zeigen drei Menschen, die sein Leben entscheidend prägten. Zu seinen frühesten überlieferten Gemälden gehört das Porträt seiner Mutter Barbara, entstanden wohl kurz nach Abschluss seiner Lehre um 1490. Lange Zeit kannte man weder die Identität der Dargestellten, noch konnte man sich vorstellen, dass das eher typenhafte Bildnis von Dürer gemalt wurde. Stilistisch lehnt es sich an Gemälde aus der Werkstatt seines Lehrmeisters Michael Wolgemut an. Erst in den 1970er Jahren gelang der Nachweis, dass es im späten 16. Jahrhundert gemeinsam mit einem heute in Florenz befindlichen Männerbildnis zur Sammlung des Nürnberger Ratsherrn Willibald Imhoff gehörte. Ein Inventar Imhoffs identifiziert die Dargestellten als Dürers Eltern und nennt Dürer als Maler – eine Zuschreibung, die heute allgemein akzeptiert ist. Die beiden Porträts verblieben offenbar zeitlebens als Teil einer Art persönlicher Erinnerungsgalerie im Besitz von Dürers Familie. Das Bildnis war Ausgangspunkt für das Forschungs- und Ausstellungsprojekt im GNM zum Frühen Dürer.

„und da man zehlt nach Christi geburth 1486 an St. Endres tag [30. November], versprach mich mein vater in die lehr jahr zu Michael Wolgemuth, drei jahr lang jhm zu dienen.“
(Albrecht Dürer, Familienchronik von 1524)

Michael Wolgemut war der Lehrmeister Albrecht Dürers, in dessen Werkstatt er 1486–89 seine Malerausbildung absolvierte. Dreißig Jahre später, im Jahr 1516, hielt Dürer seinen inzwischen greisen Lehrer in einem verblüffend lebensnahen Bildnis fest.

Die schonungslose Wiedergabe des gealterten Gesichtes, die schlaff gewordene Haut, die Fältchen und Adern sind eindrucksvolle Zeugnisse für Dürers naturgetreuen Verismus, den er auch in seinen theoretischen Schriften zum Ideal erhob. Zugleich verleiht der Maler seinem Lehrer einen überaus wachen Blick und eine würdevolle Ausstrahlung, die von ungebrochenem Respekt zu zeugen scheinen. Wie die Bildnisse seiner Eltern behielt er auch das seines Lehrmeisters in seinem Besitz, sodass er drei Jahre später in der Beschriftung Wolgemuts Todesumstände nachtragen konnte.

Kaiser Maximilian I. gehörte zu den wichtigsten Förderern Dürers. Seit 1515 zahlte er ihm eine jährliche Rente von 100 Gulden. Beim Augsburger Reichstag von 1518 bot sich dem Künstler die Gelegenheit, den Kaiser in einer Porträtzeichnung festzuhalten. Auf Basis dieser Zeichnung fertigte Dürer mehrere Gemälde und Holzschnitte an.

Das Leinwand-Bildnis im GNM zeigt Maximilian mit der Kette des Ordens vom Goldenen Vlies, den die Habsburger mit der Herrschaft über die burgundischen Niederlande übernahmen; der Granatapfel in seiner Hand dürfte als Verweis auf die ebenfalls neu erlangten Herrschaftsgebiete in Spanien zu verstehen sein. Der genaue Bestimmungszweck des Nürnberger Gemäldes ließ sich bisher nicht rekonstruieren. Doch mit Sicherheit kann man sagen: Dürer hatte als Porträtmaler den Gipfel erreicht. Das offizielle Bildnis des Kaisers entwerfen zu dürfen – weiter nach oben ging es nicht.


Noch mehr Dürer im GNM


Weitere Bezüge zu Dürer finden sich in vielen Abteilungen des Museums: Während die Dauerausstellung „Spätmittelalter“ die Altartafeln und Epitaphien der vorausgegangenen Nürnberger Malerwerkstätten präsentiert, wird Dürers Vorbildrolle für die nachfolgenden Künstlergenerationen ebenfalls in „Renaissance, Barock, Aufklärung“ behandelt. Die Graphische Sammlung birgt zahlreiche Holzschnitte und Kupferstiche und sogar einige Originalzeichnungen des Künstlers, und die Bibliothek umfasst den umfangreichsten Bestand an Dürerliteratur weltweit. Im virtuellen Raum bietet ein Onlineportal spannende Einblicke in die Dürerforschung des Museums.

....  nach unserem omnipräsenten Ausnahmekünstler in unserer Dauerausstellung. Haben Sie das Werk entdeckt? Wir freuen uns auf Ihre Nachricht!


Kategorie: Perspektiven |

Schlagworte: Dürer | Ausstellung | Renaissance |

Dr. Benno Baumbauer, Sammlungsleiter Gemälde bis 1800 und Glasmalerei

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Kommentare

16.05.2021 | Lydia Ritzer

Die Bilder so detailgetreu in Fotografien ansehen zu können - ein Genuss. | GNM_BLOG ANTWORTET: Liebe Frau Ritzer, danke für das schöne Kompliment. Wir hoffen, dass Sie die Originale bald wieder genießen können. Herzliche Grüße!


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