Dr. Christian Rümelin, neuer Leiter der Graphischen Sammlung des GNM

Hallo, Dr. Christian Rümelin

Hallo, Dr. Christian Rümelin

Dr. Christian Rümelin | 27.03.2022

Andrea Langer Bern - Oxford - Genf und seit 2022 Nürnberg. Bitte stellen Sie sich unseren Leser*innen kurz vor.

Christian Rümelin Üblicherweise fängt man in solchen Situationen mit den beruflichen Stationen an. Diese haben Sie ja schon genannt: Ich studierte in Tübingen und Bern, arbeitete anschließend an der Paul-Klee-Stiftung in Bern, um das Werkverzeichnis von Klee abzuschließen. Das Projekt startete bereits in den frühen 1970er Jahren und sollte erst Mitte der 1990er Jahre eine greifbare Form finden. So konnten wir 1998 den ersten Band herausgeben und 2004 die Reihe mit dem neunten Band zum Abschluss bringen.

Anfang 2002 wechselte ich ans Ashmolean Museum in Oxford. Letztlich war es eine Form von Kontinuität. Ich war zuständig für die Kunst des 20. Jahrhunderts, sollte am Aufbau einer museumsweiten Datenbank helfen und auch wieder zur Druckgrafik der Altmeister forschen. Damit kamen meine bisherigen Arbeitsschwerpunkte in einer Stelle zusammen. Der Sammlung der Grafik des 15. Jahrhunderts widmete ich mich intensiver, den sehr interessanten Holzschnitten und Kupferstichen sowie einer sehr schönen Gruppe von Rembrandt-Radierungen.

Im Frühling 2008 ergab sich dann die Gelegenheit, wieder in die Schweiz zurückzukehren. Ich übernahm in Genf die Leitung des damaligen Cabinet des estampes (Druckgrafik-Sammlung). Zwei Jahre später kamen auch die Zeichnungen dazu, da eine Stelle eingespart werden musste. Zwei Abteilungen mit unterschiedlichen Traditionen innerhalb eines Hauses zusammenzuführen, birgt eine große Herausforderung. Es ging darum, Synergien zu schaffen und einen umfassenderen Blick auf Papierarbeiten zu haben. Natürlich immer auch im Hinblick auf museumsweite Projekte.  

Meine Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte lagen immer auf Arbeiten auf Papier, vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Zwar war ein Schwerpunkt immer die Druckgrafik, aber meine Interessen gehen weit darüber hinaus.

Was hat Sie bewogen, die Graphische Sammlung des Musée d'Art d'histoire in Genf zu verlassen und an das GNM zu wechseln?

Das ist schnell beantwortet: Jede Sammlung ist anders und hat ihre Vorteile, aber die Qualität der Sammlung und der Reiz einer enormen thematischen Bandbreite in Nürnberg ist einzigartig. Es gibt weltweit nur wenige Sammlungen, die so breit aufgestellt sind. Wir sind kein Kunstmuseum, das macht den Unterschied, auch wenn wir viel hochkarätige Kunst haben. Und da meine ich nicht nur Dürer und seine Zeitgenossen, sondern auch Glanzstücke aus dem 19. oder 20. Jahrhundert. Es macht richtig Spaß, durch die Kapseln zu gehen, in denen die Werke aufbewahrt werden.

Wie war Ihr Start am GNM? Konnten Sie sich schon einen ersten Überblick über Ihre Sammlung verschaffen?

Schon am Anfang traf ich auf viele offene und interessierte Kolleginnen und Kollegen, die Lust auf eine Zusammenarbeit haben. Das ist extrem erfreulich, denn es wird die Basis für die kommenden Jahre sein. Einen Überblick über rund 300.000 Werke schafft man sich nicht in 2-3 Monaten. Man kratzt etwas an der Oberfläche, schaut mal hier und da rein. Und selbstverständlich helfen mir meine Erfahrungen und Kenntnisse. Aber es wird noch Monate oder Jahre dauern, bis ich die Sammlung wirklich kennen werde. Das ist unvermeidlich, bei der Größe und breiten Ausrichtung der Bestände. Wir sind mit fast keiner anderen Sammlung vergleichbar, denn wir haben von hochkarätigen Handzeichnungen namhafter Künstler bis hin zu unscheinbaren Gebrauchsgrafiken, Papiermustern oder Flugblättern eine kaum vorstellbare Bandbreite.

Mein Ziel ist, in den nächsten Wochen und Monate so viel Zeit wie möglich dafür zu verwenden, die Sammlung zu erkunden. Nicht nur die bekannten Meisterwerke, sondern eben auch die anderen Bereiche und damit auch neue Themen zu entdecken.

Anders als Ihre Kolleg*innen von Malerei, Skulptur, Kunsthandwerk etc. betreuen Sie eine Sammlung mit äußerst lichtempfindlichen Werken. Eine längere Präsentation in Ausstellungen stellt eine große Herausforderung da. Gibt es neue technische Möglichkeiten, Originale auf Papier zu zeigen? Welche Wege werden Sie gehen, um Ihre Sammlung für Besucher*innen präsenter zu machen?

Es ist ein „Problem“, das Graphische Sammlungen schon immer haben. Es ist Chance und Bürde zugleich, wobei ich es eher als Chance sehen möchte. Die Möglichkeiten sind nicht wirklich neu, bleiben aber spannend: Wir arbeiten viel mit Rotationen. Das bedeutet, dass wir entweder eine Präsentation nur eine kurze Zeit, üblicherweise drei Monate, zeigen. Wenn eine Sammlung, wie die des GNM, von vielen Sujets mehrere und vor allem auch gleichwertige Blätter bewahrt, entwickelt man ein tragfähiges Konzept, wechselt lediglich die Werke aus. Beide Arten haben ihre Vorteile und Einschränkungen.

Selbstverständlich ist es Mehrarbeit für die Kolleginnen und Kollegen in der Restaurierung. Sie müssen ja eventuell Passepartouts anfertigen, oder ein Blatt restaurieren, auf jeden Fall es aber rahmen. Das braucht einen Vorlauf und wir haben das gemeinsam rechtzeitig zu planen, damit es realisierbar bleibt.

Sichtbarkeit ist aber nicht nur durch Ausstellung oder die Sammlung vor Ort zu erzielen. Seit einigen Jahren bietet uns das Internet ein wunderbares Arbeitsinstrument. Klar, es ist eine andere Form, aber auch unser Objektkatalog schafft Zugriff auf die Sammlung. Er stellt Arbeitsmaterial für Forscherinnen und Forscher zur Verfügung oder gibt Kunstliebhabern und Kunstliebhaberinnen Anregungen.

Diese Informationen können zudem in internationalen Plattformen aufgenommen werden und werden damit auch außerhalb Nürnbergs nutzbar. Es war mir immer wichtig, nicht nur lokal zu denken, sondern auch national und international. Die Graphische Sammlung des GNM ist bereits in einigen dieser nationalen und internationalen Plattformen vertreten, darunter dem Graphikportal oder dem Bildindex und dem Digitalen Portraitindex.

Das Germanische Nationalmuseum ist bekanntlich als Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft ein Forschungsmuseum. Mit welchen Themen werden Sie sich wissenschaftlich auseinandersetzen? Gibt es noch Unerforschtes?

Es gibt immer Unerforschtes, Themen die vertieft werden können oder über die wir nur wenig wissen. Das kann Sammlungsgeschichte und Provenienzfragen betreffen, Funktionen von gewissen Blättern, die Wahrnehmung von Künstlern (auch postum), Techniken oder auch neue Themen. Im Moment ist es noch zu früh, ein Forschungsprogramm vorzulegen. Dazu benötige ich noch Zeit.

Sicherlich werden in zukünftigen Projekten unsere beiden großen Schwerpunkte eine wichtige Rolle spielen, also das Spätmittalter mit Albrecht Dürer und seinen Zeitgenossen sowie das 19. Jahrhundert. Aber, fragen Sie mich doch in ein paar Monaten nochmals, dann habe ich sicherlich konkretere Vorstellungen.

Kupferstich, Holzschnitt, Radierung, Druck uvm. Welche Technik beeindruckt Sie besonders? Können Sie unseren Leser*innen ein Beispiel zeigen.

Die Frage klingt ein wenig wie die Frage, welches Kind man am liebsten hat. Ich kann es nicht sagen. Und genauso ist es auch mit Arbeiten auf Papier. Es hängt immer davon ab, womit ich mich gerade beschäftige und wo die besonderen Interessen in diesem Moment liegen.

Das ist das Schöne einer Graphischen Sammlung, ich brauche mich nicht festzulegen. Ich kann morgens eine außergewöhnliche Zeichnung bearbeiten, nachmittags ein Plakat, am nächsten Tag ein Flugblatt oder auch Altmeisterradierungen. Das ist die besondere Herausforderung in diesem Bereich. Und deshalb will ich keine Wertung vornehmen. Jede Technik hat ihre besondere Faszination. Und die schreibt sich immer in einen Kontext ein.

Aber bei allen Papierarbeiten ist es notwendig, genau hinzuschauen, nah ran zu gehen. Es ist diese Beobachtung des Originals, die letztlich erst die Qualität und Besonderheit erschließt. Dafür haben wir mit dem Studiensaal einen wunderbaren Ort, der für alle Interessierten zugänglich ist.

Wenn Sie sich das Titelbild genauer anschauen, entdecken Sie ein Blatt mit einer sehr speziellen Technik, dem Mezzotinto oder Schabkunst: Richard Earlom nach Peter Paul Rubens, Bildnis von Hélène Fourment, 1782. Es ist die einzige graphische Vorgehensweise, die von Schwarz nach Weiß arbeitet, da die Druckplatte aufgeraut und zunehmend geglättet wird. Das ergibt faszinierende, tiefe Schatten, helle, strahlende Lichter und eine große Bandbreite von Halbtönen.
 

Herzlichen Dank für das Gespräch, lieber Herr Rümelin. Ich wünsche Ihnen alles Gute am GNM und freue mich auf die Zusammenarbeit.


Kategorie: Museumsleben |

Schlagworte: Graphik | Museum | Ausstellung |

Dr. Christian Rümelin, Sammlungsleiter am GNM

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