Leidenschaften eines Sammlers

Leidenschaften eines Sammlers

Dr. Barbara Leven | 20.12.2021

Gewissenhaft verstaut in Kartons, eingewickelt in Seidenpapier und eingeschachtelt in kleine Pappkästchen erreichten die Stücke der Sammlung Rosi und Heinz Reischböck 2020 das GNM. Im Depot haben Mitarbeitende aus den Sammlungsabteilungen und der Restaurierung die Objekte vorsichtig ausgepackt. Mit großer Sorgfalt sichteten und sortierten sie die Sammlungsstücke. Aktuell begutachten sie diese und gleichen sie mit Dokumenten aus dem umfangreichen schriftlichen Nachlass ab. Wissenschaftliche Recherchen schließen sich an, außerdem die sachgerechte Erfassung im Datenbanksystem des Museums. Einen ersten Blick auf die Gläser der Sammlung können die Besucher*innen bereits aktuell werfen: Eine Auswahl wird noch bis 9. Januar 2022 in der GNM-„Blickpunkt“-Vitrine gezeigt und im Kulturgut vorgestellt.  

Hinter jeder Privatsammlung steht immer auch eine interessante Sammlerpersönlichkeit. Heinz Reischböck (1940-2019) hatte sich stets gewünscht, dass seine Sammlung einst Eingang in das Germanische Nationalmuseum findet. Mit dem Sammler selbst, der 2019 verstarb, gab es keinen persönlichen Kontakt mehr. Dennoch versuchen wir uns der Persönlichkeit Heinz Reischböck anzunähern – über seine Sammlung, seine Leidenschaften und Interessen und im Gespräch mit Menschen, die ihn kannten.

Er war groß, blond, gutaussehend, immer mit einem Lächeln, das alle bezauberte, ein liebenswürdiger, feiner Charakter.

So beschreibt Inge Seifert ihren Partner Heinz Reischböck, dessen Lebensgeschichte sie nach seinem Tod verfasst hat.

Am Neujahrstag 1940 kam er in Waldsassen als zweiter Sohn von Richard und Rosi Reischböck (geb. Badum) auf die Welt. Der Vater war Jurist und nach der Hochzeit an verschiedensten Orten in Deutschland tätig. Rosi blieb während dieser Zeit mit ihren beiden Söhnen in Waldsassen und arbeitete in der elterlichen Apotheke. Eingebunden in das familiäre Geflecht und in den vom Zisterzienserinnen-Kloster geprägten Ort, war es für Heinz Reischböck eine „goldene Zeit“, die ihn sehr prägte und an die er sich gern erinnerte.

Erst 1950 zog die Familie in einem Reihenhaus im Münchner Stadtteil Pasing zusammen. Nach dem Besuch des Gymnasiums in München studierte Heinz Reischböck wie sein Vater Jura. Zuletzt war er als Richter am Oberlandesgericht München tätig. Inge Seifert, früher auch Kollegin von Heinz Reischböck, erzählt, er sei zwar ein hervorragender Jurist gewesen, der Kultur galt jedoch seine eigentliche Leidenschaft.


Der musisch begabte Richter

Heinz Reischböck spielte sehr gut Klavier. Mit 63 Jahren erlernte er außerdem noch das Geigenspiel, hatte Unterricht und übte mehrere Stunden täglich. Er verehrte Mozart, war auch literarisch sehr interessiert und schrieb selbst Gedichte. Auch seine Mutter war äußerst kunstsinnig.

Sie war es auch, die ihn zum Sammeln ermutigte, sein Interesse am 18. und 19. Jahrhundert förderte. Im Zentrum der Sammelleidenschaft standen zuerst Glas und Porzellan, später kamen noch Miniaturbildnisse und Pastellporträts dazu. Jede Mark, jeden Euro steckte Heinz Reischböck, so erinnert sich Inge Seifert, in die Erweiterung seiner Sammlung.


Andenkenglas neben Porzellanfigur

Immer mehr Schätze kamen so im Haus in Pasing zusammen, in dem Heinz Reischböck mit seinem Bruder Peter bis zu dessen Tod lebte. Das Sammeln war wohl auch Ausgleich zur Arbeit am Gericht. Jedes kleine Fleckchen des Hauses, das berichtet Inge Seifert, war mit Sammelgut gefüllt. Böhmische Andenkengläser der Biedermeierzeit und Tassen und Figuren aus Porzellan standen dicht gedrängt in Schränken und Vitrinen, auf allen freien Flächen.

Die Miniaturbildnisse und Pastellporträts brachte Heinz Reischböck mit Unterstützung von Inge Seifert in enger Hängung an die Wände. Sie hatte den Blick für eine ansprechende Präsentation. Der Sammler wollte die Dinge stets um sich haben, vor allem aber die Geschichten hinter den Dingen entdecken.  


Die magische Enzyklopädie der Dinge

Reischböck war ein Sammler, wie ihn der Philosoph Walter Benjamin (1892-1940) beschrieb:

Zeitalter, Landschaft, Handwerk, Besitzer, von denen er [der gesammelte Gegenstand/B.L.] stammt – sie alle rücken für den wahren Sammler in jedem einzelnen seiner Besitztümer zu einer magischen Enzyklopädie zusammen.

Der Sammler als „Physiognomiker der Dingwelt“. Heinz Reischböck legte daheim einen umfangreichen Literaturbestand zu seinen Sammlungsschwerpunkten an und recherchierte, oft gemeinsam mit dem Bruder, gründlich zu den Objekten. Wenngleich eher eine introvertierte Persönlichkeit, erzählte Heinz Reischböck Interessierten doch gern von seinen Forschungen. Allerdings schrieb er sie nicht auf. Diese Lücke füllen nun schrittweise die Wissenschaftler*innen am Germanischen Nationalmuseum.


Netzwerk der Fachleute

Fand Heinz Reischböck anfangs neue Objekte für seine Sammlung meist per Zufall, knüpfte er im Lauf der Zeit ein Netzwerk aus Antiquitätenhändlern. Mit einigen von ihnen pflegte er über Jahrzehnte enge, teils freundschaftliche Verbindungen. Die Expert*innen sandten ihm nicht nur Objektvorschläge zum Ankauf, sondern auch Weihnachtsplätzchen und Marmelade.

Zu diesem Kreis gehörte unter anderem Anna-Maria Wager, deren Tochter Almut heute das Antiquitätengeschäft der Familie in München führt. Sie lernte Heinz Reischböck 1978 anlässlich einer Porträtminiaturen-Ausstellung kennen. Sehr zurückhaltend sei er gewesen, doch für Bildnisminiaturen habe er sich sehr begeistert, immer wieder bei ihr gekauft. Die zarten Porträts sind in kleine Rahmen gefasst oder als Medaillons gestaltet. Männer und Frauen, Eltern und Kinder, Freundinnen und Freunde tauschten sie als Freundschafts- und Erinnerungsschmuck. Die Rückseite einiger Miniaturen bilden feine Geflechte aus Echthaar, ein Liebespfand, das immer wieder berührt werden konnte.


Die Tasse mit dem Teufelsgeiger

Den Antiquitätenhändler Peter Fink besuchte der Sammler regelmäßig in dessen Geschäft in der Barer Straße in München. Stets sei er mit dem Fahrrad vorbeigekommen, erzählt Fink. Sie saßen in den Biedermeiersesseln, tranken Kaffee von der Bäckerei nebenan und fachsimpelten. Heinz Reischböck schaute sich immer und meist erfolgreich nach Ergänzungen für seine Sammlung um.

Der Antiquitätenhändler erinnert sich an ein Stück, das besondere Begeisterung bei dem Hobby-Geiger auslöste: eine Tasse der Nymphenburger Porzellanmanufaktur, auf der der sogenannte „Teufelsgeiger“ Niccolò Paganini (1782-1840) abgebildet ist. Dieser wurde nach seinem Auftritt in München im Jahr 1829 mit einem Lorbeerkranz geehrt. Die Kunstzeitschrift Aurora berichtete damals eindrucksvoll vom Auftritt:

Paganini erschien und gab den bündigen Beweis, dass er das dauerhafteste Trommelfell von der Welt besitze. Die Leute schrien und applaudierten so inbrünstig, dass man vermeinte, mitten in einer tobenden Meeresbrandung zu sitzen; Paganini wurde fünf Mal stürmisch empfangen und vier Mal hervorgerufen, und das Publikum ward gar nicht müde, dem seltenen und seltsamen Manne die glänzendsten Beifallsvariationen vorzustürmen.


Werke der Malerfamilie Hirschmann

Werke der fränkischen Malerfamilie Hirschmann lernte Heinz Reischböck ebenfalls durch Hinweise des Antiquitätenhändlers Fink kennen. Über mehrere Generationen hinweg waren seit Beginn des 18. Jahrhunderts Frauen und Männer der Familie künstlerisch tätig. Sie sind vor allem bekannt für ihre Porträts, die sie von geistlichen, adligen und bürgerlichen Persönlichkeiten anfertigten. Den Sammler Reischböck begeisterten vor allem Lebensnähe, Detailgenauigkeit und Farbigkeit der Bildnisse, besonders die Pastelle hatten es ihm angetan. Sie wurden zu einem Schwerpunkt seiner Sammlung. Heute ergänzen sie, wie auch andere Objektgruppen aus der Sammlung, eine Lücke im Bestand des Germanischen Nationalmuseums.


Private Sammlungen im Museum


Stifter, Schenker und Mäzene haben seit der Gründung des Germanischen Nationalmuseums im Jahr 1852 einen wesentlichen Anteil am Auf- und Ausbau des Hauses und seiner Sammlungen. Vor einigen Jahren hat das Museum ihr wertvolles Engagement mit einer Sonderausstellung gewürdigt. Geschlossene Sammlungen wie die Sammlung Rosi und Heinz Reischböck, die mit viel Leidenschaft und Kenntnis von privaten Sammlern zusammengetragen wurden, komplettieren schon vorhandene Bestände des Museums. Mitunter öffnen sie auch gänzlich neue Perspektiven.


Eine attraktive Auswahl der Gläser aus der „Sammlung Rosi und Heinz Reischböck“ ist noch bis zum 09. Januar 2022 in der „Blickpunkt“-Vitrine des Germanischen Nationalmuseums zu sehen. Ihr Besuch im GNM.
Zu den Gläsern siehe auch den Beitrag der Verfasserin im Kulturgut, IV. Quartal 2021, S. 11-16.

 


Kategorie: Perspektiven |

Schlagworte: Museum | Porzellan | Kunsthandwerk | Glas |

Dr. Barbara Leven,

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Kommentare

20.12.2021 | Wolfgang Castell

Liebe Frau Dr. Leven, ein sehr schöner Blog, der die Persönlichkeit des Sammlers und die Objekte wunderbar beschreibt. Danke und Gruß Wolfgang Castell | GNM_BLOG ANTWORTET: Lieber Graf Castell, herzlichen Dank für Ihre lobenden Zeilen! Beste Grüße aus dem GNM


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