Chinesisches Neujahr

Chinesisches Neujahr

Dr. Heike Zech | 26.02.2021


Im Zeichen des Büffels: 5 Fragen zum chinesischen Neujahr

Ein Beitrag zur Ausstellung Zeichen der Zukunft.
Wahrsagen in Ostasien und Europa

Am 12. Februar beginnt im chinesischen Kulturraum das Jahr des Büffels, eines der zwölf Tierkreiszeichen, nach denen die chinesischen Mondjahre benannt werden. Das neue Mondjahr beginnt immer am 2. Neumond nach der Wintersonnwende.

Alle zwölf Jahre also stehen im Zeichen des starken, energiegeladenen Tieres. Der Büffel steht für Aufbruch und Anfang und ist bekannt für seinen Fleiß. Jedem Jahr wird zudem eines der fünf chinesischen Elemente zugewiesen, so dass nur alle sechzig Jahre dieselbe Konstellation aus Tierkreiszeichen und Element eintritt. Das kommende Jahr wird so zum Jahr des Metallbüffels. Das Element Metall steht nach ostasiatischer Vorstellung für Herbst und Ende. Es verspricht also ein spannungsvolles Jahr zu werden, mit sehr widersprüchlichen Aspekten.


Die Ausstellung „Zeichen der Zukunft“ zeigt eine Aufnahme des Neujahrsorakels für das letzte Jahr, das Jahr der Ratte. Haben sich die Prognosen bewahrheitet?

Das chinesische Neujahr ist ein großes Spektakel, das nicht nur in Ostasien, sondern auch in den verschiedensten Ecken der Welt mit chinesischer Bevölkerung mit Paraden und Feuerwerk gefeiert wird. Berühmt sind beispielsweise die Feierlichkeiten in London, mit die größten im westlichen Raum.

In Taiwan werden zudem öffentlich Orakel befragt, um Vorhersagen für die Nation zu erhalten. Die Ausstellung zeigt das sogenannte Tempelorakel, das vom nationalen Fernsehen begleitet und – damals noch vor Corona – auch von zahlreichen Menschen verfolgt wurde. Der Orakelspruch war doppelt negativ, eine ungewöhnlich düstere Antwort. Die Ernte sollte ausbleiben. Es bleibt natürlich der Interpretation überlassen, ob man hierin einen Hinweis auf die Pandemie sehen möchte, die allerdings Taiwan im weltweiten Vergleich sehr verschont hat.


Was hält das kommende Jahr bereit? Gibt es hierzu schon Prognosen?

Bereits jetzt können wir eine Quelle für Vorhersagen befragen, nämlich den chinesischen Almanach. Dessen Vorhersagen basieren auf dem Tierkreiszeichen/Elemente-Verbindung und wiederholen sich ebenfalls alle 60 Jahre.

Für das vergangene Jahr war die Prognose ebenfalls ungewöhnlich düster – ein Schicksal, das sich nach Vorstellung dieses Kulturkreises alle 60 Jahre wiederholt. 2020 ist somit vergleichbar mit 1960, 1900 etc. Die Prognose des Almanachs für das kommende Jahr ist leider recht verhalten, doch wird es insgesamt und überall besser.

Eine Passage sagt ebenso vage wie pessimistisch vorher, dass es den Tieren schlecht gehen wird. Hierzu muss man wissen, dass dieser Almanach Jahrhunderte alt ist. Auch wenn unbekannt ist, wann die Texte genau entstanden, so ist doch klar, dass sie an eine landwirtschaftlich geprägte Gesellschaft gerichtet waren. Man wird sehen, ob sich in der Rückschau eine Erklärung für diese Aussage findet.

Traditionell werden zum Jahreswechsel auch in verschiedenen Tempeln in Taiwan Orakel befragt, wie das kommende Jahr werden wird. Der Tempel in Kaohsiung in Südtaiwan hat sein Jahresorakel bereits am 7. Februar veröffentlicht. Der im gesamten chinesischen Sprachraum verbreitete Gott Guandi, dem der Tempel gewidmet ist, gab sein Orakel in Form des sogenannten „Spirit writing“.

Die Methode wird in der Ausstellung als „Geisterschreiben“ vorgestellt: Mithilfe eines Mediums und Gehilfen entstehen Botschaften, die mit einem Y-förmigen Schreibgriffel niedergeschrieben werden. Die chinesische Bezeichnung der Technik kann man als „den Griffel bzw. den Phönix stützen“ übersetzen. Das Video zeigt den Ablauf sehr schön, im Hintergrund sieht man Protokollantinnen, die die Schriftzeichen am Computer dokumentieren. Guandis Prognose lautet „Mittleres Oben“ – es gibt zwar noch zwei positivere Ergebnisse, doch im Vergleich zum letzten Jahr ist das schon eine gute 3+. Gute Aussichten gibt es ab dem 3. Mondmonat (April) und im Sommer auch Gutes für den Rest der Welt: „Überseeverkehr in alle Länder wohl möglich“. Na, wenn das nichts ist!

(Im Nachgang des Gesprächs konnten Professor Lackner und sein Team auch die Prognosen drei weiterer Tempel in Taiwan einholen. Sie reichen von „Mittel“ über „Mittleres Oben“ bis „Gut“ und sind somit alle besser als jene für das vergangene Jahr.)


Beim Betrachten der Filme von Orakeln vor teils sehr großem Publikum entsteht der Eindruck, dass die ganze Nation Anteil an der nationalen Jahresprognose nimmt. Inwiefern ist das vergleichbar mit Jahresendritualen in Europa?  

In Europa gibt es eine Vielzahl von Ritualen, die teils lokal oder regional begrenzt sind. Man denke nur an das Bleigießen hierzulande oder den Umstand, dass auch seriöse Zeitungen bis heute Jahres- und Tageshoroskope nach den westlichen Tierkreiszeichen abdrucken. Meist beziehen sich diese Vorhersagen auf Individuen.

Das taiwanesische Tempelorakel am Neujahrstag ist hingegen eine Vorhersage für das ganze Land und zugleich ein öffentliches Spektakel: Es wird im Fernsehen übertragen, Mitglieder der Regierung verfolgen es vor Ort, die Orakelsprüche werden in den Medien diskutiert und interpretiert.

Divinatorische Praktiken sind insgesamt viel mehr und offener als in Europa Teil des taiwanesischen Alltags. Die Befragung des Tempelorakels ist indes nicht nur an bestimmte Festtage gebunden: Konsultiert wird die Gottheit, wenn wichtige Lebensfrage anstehen. Man geht dann in den Tempel, stellt seine Frage direkt an die Gottheit.

In Taiwan ist diese oft Mazu, ein Fischermädchen, das jung verstorben zur Gottheit erhoben wurde. Die Antwort erhält in einem mehrstufigen Ritual, das in der Ausstellung genau vorgestellt wird. Auch eine Figur der Göttin Mazu mit ihren furchteinflößenden Begleitern ist dort zu sehen – übrigens erstmalig in Europa.


Wie geht man in Taiwan mit solchen Prognosen um? Hierzulande ist man ja eher verschämt und konsultiert die Karten oder den Kaffeesatz im Geheimen, ein Horoskop für einen Staat ist undenkbar.

Ob die nationalen Orakelsprüche tatsächlich Einfluss auf Entscheidungen etwa in der Politik haben, sei dahingestellt. Sicherlich steht, genau wie in Europa, das Spielerische im Vordergrund, begleitet von dem Gedanken „es könnte ja etwas dran sein“. Man darf wohl sagen, es geht auch um Unterhaltung.

Der Begriff Glaube ist in diesem Zusammenhang schon aufgrund der religiösen Vorstellungen irreführend: Anders als das Christentum ist die sogenannte chinesische Volksreligion kein Artikelglauben, in dem es ein festes Glaubensbekenntnis gibt. Der Begriff Vertrauen ist treffender – insgesamt vertraut man im ostasiatischen Raum divinatorischen Praktiken vielleicht eher. Auch koexistieren sie mit naturwissenschaftlichem Wissen leichter als dies in Europa der Fall ist. So würde auch niemanden ein öffentliches Bekenntnis etwa zum Besuch beim Wahrsager verwundern.

Dies gilt für das Tempelorakel genauso wie für andere Techniken mit jahrhundertelanger Tradition, etwa das Buch der Wandlungen. Die größte Kritik an der Fortexistenz solcher Praktiken kommt auch in Ostasien aus akademischen Kreisen, die sie in der Tradition der europäischen Aufklärung als Aberglauben abtun.


Warum brauchen wir die Divination auch heute noch? Lauert hinter allem Rationalen vielleicht doch die Sehnsucht, mehr über die Zukunft zu erfahren, zu wissen, was man nicht wissen kann?  In Europa gibt es ja ähnliche Phänomene, zum Beispiel in esoterischen Praktiken wie Tarot und Astrologie, die bereits vor der Pandemie und nun noch mehr im Aufwind sind.

Vielleicht spielt hier ja auch der Erfolg der Harry Potter-Reihe eine Rolle – Magie und Esoterik. Wie dem auch sei: Als Menschen wollen wir immer mehr wissen, als wir wissen können. Unsere Fragen an die eigene Zukunft führen nicht nur, aber auch zur Auseinandersetzung mit divinatorischen Praktiken, gerade wenn sie über die Grenzen der Wissenschaft hinausgehen.

Ein Beispiel illustriert dies sehr schön. Der schottische Asien-Missionar WHP Martin veröffentlichte im späten 19. Jahrhundert in China eine Zeitschrift für Naturwissenschaften. Unter anderem erklärte er die Entstehung von Blitzen aus naturwissenschaftlicher Sicht. Ein Beamter schrieb an ihn, dass er nun akzeptiere, dass Blitze nicht vom Donnergott geschaffen wurden. Doch blieb für ihn eine Frage unbeantwortet, die sein Leben viel mehr berührte als die naturwissenschaftliche Seite: Warum nur traf der Blitz ausgerechnet seinen Freund. Die Frage beantwortete der Missionar nicht, soweit ich bei meinen Forschungen feststellen konnte. Solche Fragen des persönlichen Schicksals erklären, warum Divination bei aller Wissenschaft Menschen immer begleitet und interessiert hat.

Welche Fragen stellen Sie an die Zukunft? Was möchten Sie gerne wissen und welches Medium befragen Sie? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare.

Dr. Heike Zech, Sammlungsleiterin Kunsthandwerk bis 1800 und Handwerkgeschichte; Stellvertreterin des Generaldirektors

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