Ausstellen zwischen Bangen und Hoffen

Ausstellen zwischen Bangen und Hoffen

Prof. Dr. Daniel Hess | 18.02.2021


Im Zauberberg-Fieber trotz Corona und Schnee


Davos, 27. Januar 2021: Alle Werke sind von unserem Kooperationspartner, dem Kirchner Museum Davos, fachgerecht in den Klimatransportkisten untergebracht, die Fahrt zu den weiteren Leihgebern in der Schweiz und die abschließende Zollabfertigung minutiös geplant. Selbst Kirchners Pistole scheint nun doch reisen zu dürfen; es fehlt nur noch eine Unterschrift aus Bern.

Über Nacht kommt dann aber der Schnee – so viel wie seit Langem nicht mehr. An einen Transport ist nicht mehr zu denken: bange Blicke auf die Wetterkarte und den Straßenbericht, stündlich neue Lagebesprechungen, neue Szenarien, Pläne und Kalkulationen: kein Anhänger, dafür Schneeketten, ein zweiter, späterer Transport. Dann neue bürokratische Hürden bezüglich Kirchners Pistole: Hätte doch der Ausstellungsleiter – immerhin ist er Schweizer – einen schweizerischen Waffenerwerbsschein, dann fänden sich Mittel und Wege …

Derweil schreitet der Ausstellungsaufbau in Nürnberg voran. Unter Einhaltung Corona-bedingter Arbeitsabstände werden Vitrinen bestückt, Bilder und Plakate gehängt.

Nach langer Lockdown-Lähmung findet das Museum mit dem Aufbau einer Ausstellung endlich wieder zu seiner schönsten und kreativsten Arbeit zurück. Alle Mitwirkenden sind hoch motiviert! Doch lassen die schneeweißen FFP-2-Masken der Akteure nicht vergessen, dass alle Verrichtungen unter besonderen Vorzeichen stehen.

Fünf Jahre Forschungsarbeit nehmen in wenigen Wochen sichtbare Gestalt an. Eine bislang nur erdachte Welt wird begehbar, Kulturgeschichte wird zum physischen Erlebnis. Noch vor Weihnachten hat der Frankfurter Bühnenmaler Jürgen Kundermann die verschneiten Davoser Berge auf die Wand gemalt und die Zauberberge nach Nürnberg versetzt. Sie künden vom Emporgehobenwerden in ungeahnte, nie geatmete Höhen, in die der Davos-Reisende auf seiner Bahnfahrt vordrang.

Die sich während der Fahrt über gewundene Kurven, jähe Abgründe und durch stockfinstere Tunnel einstellende Verzauberung stellte Thomas Mann effektvoll an den Beginn seines Romans "Der Zauberberg". Mit dem Romanhelden Hans Castorp blicken wir schwindelnd hinab zu den tief unter der Eisenbahnbrücke rauschenden Wassern. Dasselbe Motiv begegnet in einem Hauptwerk des Großstadtkünstlers Ernst Ludwig Kirchner, der 1918 nach Davos übergesiedelt war. – Und nun stecken seine Gemälde, Zeichnungen und Graphiken im Schnee fest?


Davoser Schnee-Erlebnisse

Der Davoser Schnee hat es in sich und wurde in Thomas Manns Zauberberg zum literarischen Ereignis: Zu den Schlüsselszenen zählt das Schneeerlebnis Hans Castorps. Im zweiten Winter seines Kuraufenthalts verliert er im White-out die Orientierung und taumelt bei minus 20 Grad im Schneesturm halluzinierend an der Grenze zum tödlichen Nichts. Der Davoser Schnee inspirierte Thomas Mann zu ambivalenten Assoziationen: Einerseits breitet er sich wie aufgeschüttelte Kissen diamantenglitzernd über die Landschaft und lässt geisterhaft die Konturen verschwimmen. Andererseits erscheint er als Chaos von weißer Finsternis, als gleichgültige, tödliche Stille und wird schließlich zum weißen Begräbnis. Für Hans Castorp ist der Schnee auch mit einer sportlichen Herausforderung verbunden, als er das Skifahren erlernt.

Den Wintersport und die dafür erforderlichen Geräte hatten die ersten Kurgäste bereits im 19. Jahrhundert nach Davos gebracht. Fortan produzierte Davos das Equipment selbst, trieb seine Entwicklung zu einem führenden Wintersportort voran und eröffnete die erste Skiarena in den Alpen. Bügelskilift und Davoser Schlitten sind nur einige der Erfindungen, die den modernen Wintersport zum Massenphänomen machten. Doch am Anfang der Davoser Kulturgeschichte stand nicht die sportbedingte, sondern vielmehr die krankheitsbedingte Atemnot.


Umbrüche der Moderne in Europa

Als höchste Stadt Europas und als renommierter Lungenkurort war Davos nicht nur für Hans Castorp eine existentielle Destination. Die seit 1870 aus ganz Europa nach Davos strömenden Lungenkranken verbrachten dort bange Wochen, Monate und Jahre. Viele konnten das heilende Klima nicht mehr verlassen und waren unausweichlich mit Krankheit und Tod konfrontiert. Die Hochgebirgsluft versprach Heilung von der Infektionskrankheit Tuberkulose, die Jahr für Jahr zigtausend Menschen hinwegraffte. Die aktuelle Pandemie lässt uns die damaligen Ängste, das Hoffen und Bangen neu verstehen.

In Davos traf sich, was Rang und Namen hatte: Ernst Ludwig Kirchner, Katia und Thomas Mann, Arthur Conan Doyle – der Erfinder von Sherlock Holmes – , Robert Louis Stevenson – der Autor der Schatzinsel – , Albert Einstein, aber auch Sonja Henie, die erfolgreichste Eiskunstläuferin aller Zeiten. Mit den vielen namhaften Protagonisten wird Davos zur idealen Bühne, um die gesellschaftlichen Prozesse und die tiefgreifenden Umbrüche der Moderne in Europa zu verstehen.

Die Ausstellung zeigt, wie engmaschig Alltags- und Hochkultur miteinander verknüpft sind. Exponate wie Kirchners Grammophon oder der Pokal, den Arthur Conan Doyle zum „Ladies International Toboggan Race“ stiftete, werden zu geheimen Visitenkarten der Davoser Hauptakteure. Sie schaffen Beziehungen über die Personenkreise und Lebensbereiche hinweg.

Die Stationen und Exponate der Ausstellungen in Nürnberg und nachfolgend in Davos veranschaulichen die Zusammenhänge und Brüche der Moderne. Sie knüpfen Verbindungen von Medizin- und Kurgeschichte mit Kultur- und Wintersportgeschichte. Sie verflechten die Ideale der Lebensreformbewegung mit den Friedensutopien und verdeutlichen den Kontrast zwischen der Einfachheit des Berglebens und den mondänen Lebenswelten. Urbanität und Alpenidyll, Elite- und Massenkultur, Wettkampf und Atemnot prallen zusammen. In Davos werden die Versprechungen und Niederlagen der europäischen Moderne beispielhaft sichtbar; Kulturgeschichte wird umfassend greifbar.


Kultur und Krise

Als die Ausstellung konzeptionell Gestalt annahm, konnte niemand ahnen, dass sie im Zuge der Corona-Pandemie eine weitere Dimension erhalten würde. Sie spiegelt auf erschreckende Weise die Erfahrungen unserer Gegenwart wider.

Die Volkskrankheit Tuberkulose, die auch nach der Entdeckung des Antibiotikums Streptomycin im Jahr 1943 weltweit eine tödliche Krankheit geblieben ist, führte zum Brückenschlag von der Medizin zu Kunst und Kultur. Die angesichts dieser schrecklichen Krankheit entstandenen kulturellen Zeugnisse übersetzten das Unbegreifliche und Unfassbare der Seuche in die Sprache von Kunst und Literatur. Sie verankerten die Tuberkulose im kulturellen Gedächtnis. Das Davos-Projekt wird damit auch zu einem eindringlichen Zeugnis für den einzigartigen Wert der Kultur in der aktuellen Krise. Die Ausstellung macht deutlich, was europäische Kultur bedeutet. Sie zeigt, wie tragfähig sie in gesundheitlichen, politischen und wirtschaftlichen Krisen als verbindendes Fundament Europas sein kann.


Vorhang auf und banges Warten

In der Ausstellung haben unterdessen nicht nur Einstein oder Andreas Latzko mit seinem ersten europäischen Antikriegsbuch, sondern zuletzt auch Thomas Mann und Ernst Ludwig Kirchner ihren Platz gefunden. Kirchners Werke sind aus dem großen Schnee schließlich doch noch nach Nürnberg gekommen. Eine Woche später trafen auch jene Gemälde ein, die zuvor in Dänemark ausgestellt und beim Transport nach Deutschland am Zoll hängen geblieben waren – das hatte grade noch gefehlt!

In Nürnberg finden nun unsere Hauptakteure Kirchner und Mann zum ersten Mal zusammen, nachdem sie sich in Davos persönlich offenbar nie begegnet sind. Dies scheint nun aber eine bislang unbekannte Pinselzeichnung Kirchners zu dokumentieren, die dem Museum aus Privatbesitz ganz am Ende der Ausstellungsvorbereitungen angeboten wurde. Sie soll Thomas Mann im Gespräch mit Kirchners Arzt und Sammler zeigen.

Was es mit diesem Werk auf sich hat und welche dunklen Schatten der Kulturgeschichte Kirchners Pistole heraufbeschwört, werden unsere Besucherinnen und Besucher beim Gang durch die Ausstellung Europa auf Kur erfahren. Für die Museen und die Kultur geht hoffentlich bald wieder der Vorhang auf, damit die Ausstellung ihren Zauber entfalten kann.


Kategorie: Museumsleben |

Schlagworte: 20. Jahrhundert | Ausstellung | Kulturgeschichte | Europa |

Prof. Dr. Daniel Hess, Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums

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Kommentare

25.02.2021 | Bess, Irmela

Der Kommentar zur Ausstellung und die Verbindungen von heute zu damals, auch die Stolperstellen zur Fertigstellung fand ich sehr interessant. Danke! Ich freue mich sehr auf die Ausstellung (präsent..) Es gab in Nürnberg eine Produktion von Jutta Czurda ( Theater Fürth), die sich in den 80er Jahren mit den Mitteln des Tanztheaters mit Thomas Manns Zauberberg beschäftigt hat- das Stück trug den leicht abgewandelten Titel " Haus Bergfrieden" und hat die Stimmung daraus hervorragend übertragen. GNM_BLOG ANTWORTET: Liebe Frau Bess, ganz herzlichen Dank für Ihre positives Feedback und den Hinweis auf das interessante Theaterprojekt.


18.02.2021 | Regula

Das ist ja ganz spannend. Mir gefällt der ganzheitliche Ansatz sehr. Ich hoffe für das Museum, dass die erzwungenen online Start-Aktionen auch ein Gutes haben und auch jüngeres Publikum in die Ausstellung lockt. Alles Gute und viel Erfolg. Ladet doch Merkel ein, sie mag ja den Winter auch GNM_BLOG ANTWORTET: Herzlichen Dank für die guten Wünsche!! Unsere Digital Story zur Ausstellung läuft beispielsweise gut an, gerne mal reinschauen: www.gnm.de/europa-auf-kur-digitalstory


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