Säulen der Straße der Menschenrechte in Nürnberg

Karavan: Kultur und Barbarei

Karavan: Kultur und Barbarei

Prof. Dr. Daniel Hess | 12.10.2021


In Erinnerung an Dani Karavan
(7. Dezember 1930 - 29. Mai 2021)

Am 24. Oktober 1993 wurde Dani Karavans Straße der Menschenrechte unmittelbar vor dem damals neuen Haupteingang des Germanischen Nationalmuseums eingeweiht. Die Menschenrechte, oder vielmehr ihre Deklaration in Paris, waren damals 45 Jahre alt: Drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte die Generalversammlung der Vereinten Nationen in Paris die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verkündet.

Mit seinem begehbaren Kunstwerk machte Dani Karavan diese Menschenrechte sicht- und greifbar, versetzte sie in den Alltag. Er gab den Menschenrechten somit einen festen Platz mitten in Nürnberg, in der Stadt der Rassengesetze und Reichsparteitage, aber auch der Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher; in just der Stadt, in der er, der seine Familie durch die Schoah verloren hatte, im Jahr 2018 Ehrenbürger wurde.


die Menschenrechte

Der Gedanke der Menschenrechte ist kein Kind des 20. Jahrhunderts und der menschlichen Urkatastrophen der beiden Weltkriege. In Europa wurden die Menschen- und Bürgerrechte erstmals am 26. August 1789 im Zuge der Französischen Revolution festgeschrieben, als Ausdruck der bürgerlichen Selbstbestimmung und Volkssouveränität, als Ausdruck von Freiheit und Demokratie. Doch schon an diesen ersten Menschenrechten klebte alsbald Blut, und auch künftig wurde immer dann besonders eindringlich an sie appelliert, wenn Krieg, Despotismus und Völkermord die Menschen in ihrer Würde und Freiheit bedrohten.

Bei der Entwicklung seiner Straße der Menschenrechte orientierte sich Dani Karavan zunächst an der Deklaration von 1789, die damals ihr 200jähriges Jubiläum feierte. Doch die 17 Artikel ließen sich nicht mit der Länge der Straße vor dem Museum in Einklang bringen. Für die Anzahl der Säulen bot sich die 1948 als direkte Reaktion auf die Barbarei und Gräuel des Zweiten Weltkriegs erneuerte Erklärung sehr viel besser an. Sie wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet und behält bis heute ihre Gültigkeit für die internationale Staatengemeinschaft. Diese Deklaration ruft eine Inschrift auf dem Tor in Erinnerung, das den Säulenweg eröffnet. Damit fanden Form und Inhalt die gesuchte Synthese, und Nürnberg wurde zum einzig richtigen Ort.

Jede der 30 Säulen trägt einen Artikel der Menschenrechte. Jeder Artikel ist auf Deutsch sowie in einer weiteren Sprache auf einer Säule angebracht. Neben den Weltsprachen wählte Dani Karavan Sprachen wie Jiddisch, die im Nationalsozialismus zerstört und ausgelöscht werden sollten, sowie „Sprachen von Menschen und Nationen, die bis zum heutigen Tag diskriminiert werden“. Eine in die Kolonnade integrierte Eiche schließt die Natur mit in das Kunstwerk ein. Die Straße der Menschenrechte klagt die Verbrechen des Nationalsozialismus und alle Verbrechen der Menschheit an und ruft in Erinnerung, was trotz universeller Gültigkeit immer wieder auf das Neue gefährdet ist. Dani Karavans Straße der Menschenrechte ist aber, und dies insbesondere hier in Nürnberg, auch ein Symbol der Versöhnung und der Hoffnung.


Wo Kultur ist, ist auch Barbarei

In den Publikationen, die zum 25. Geburtstag der Straße der Menschenrechte erschienen sind, zitiert Dani Karavan den deutsch-jüdischen Philosophen Walter Benjamin, der sich auf der Flucht aus Nazi-Deutschland im spanischen Grenzort Portbou 1940 das Leben genommen hat. Neben einem Brief an Theodor W. Adorno hinterließ er ein Manuskript zu seiner letzten Schrift „Über den Begriff der Geschichte“, die im Satz kulminiert: „Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich eines der Barbarei zu sein.“

Benjamin macht damit deutlich, dass allen unseren Kulturgütern auch das Grauen im Sinne von Ausbeutung, Benachteiligung und Unterdrückung innewohnt. Alle diese Kulturgüter verdanken sich nicht nur der Mühe großer Genies, sondern auch „der namenlosen Fron ihrer Zeitgenossen“. Mit den Klagen und dem Leid der Menschen, die zeitlose Kunstwerke wie den Pergamonaltar geschaffen haben, eröffnet Peter Weiß sein ebenso monumentales wie umstrittenes literarisches Werk, die ab 1971 erschienene „Ästhetik des Widerstands“, um der Arbeiterbewegung in ihrem Widerstand gegen den Faschismus eine Stimme zu geben. Nichts auf den großen Kunstwerken wie dem Pergamonaltar erinnere, so Weiß, an die namenlose Fron jener, die den Marmor zu den Ochsenkarren geschleppt und nicht mehr besessen haben als Staub.

Ewig wiederkehrendes Leid, Erniedrigung und Gewalt haben Literatur und Kunst epochenübergreifend in Erinnerung gerufen. Sie haben die Ambivalenz des Menschen als Schöpfer und Zerstörer deutlich gemacht, dessen Werke und Anmaßungen unseren Blick nicht nur in die Höhe lenken, sondern auch in die tiefen Abgründe zwingen.


Kultur mit Schattenseiten

Mit einer dem heutigen Betrachter alltäglich vertrauten, gleichwohl irritierenden Faszination an der Gewalt führen uns auch mittelalterliche Gemälde alle jene unvorstellbaren Grausamkeiten vor Augen, zu denen Menschen fähig sind.

Dies zeigen auch Beispiele aus der Sammlung des GNM: Schon im keineswegs unschuldigen Kindesalter werden sie zu Tätern und bewerfen den geschundenen Gottessohn unter der schweren Last des Kreuzes mit Steinen. Die Passions- und Märtyrerszenen führen Opfer wie Täter vor Augen und entfalten einen umfassenden Katalog an Gräueltaten, die ihr Publikum mit detailreichen und möglichst authentisch wirkenden Inszenierungen erschüttern und zum Mitleiden anstiften sollen. Dass dies in den prächtigsten Farben und vor glänzendem Goldgrund geschieht, steigert die Unerträglichkeit des Dargestellten nur noch mehr. Schonungslos wird auch die Selbstverliebtheit des Menschen in Szene gesetzt, der sogar Christus in seiner menschlichen Natur erliegt, wenn er in einer spätmittelalterlichen Zeichnung als nacktes Knäblein im Mariengemach erscheint und in eitlem Hochmut sein Ebenbild in der Waschschüssel betrachtet.

Wie sehr solche Bilder den Betrachter gefangen nahmen und verführten, hatte in den Jahren 1123/25 Bernhard von Clairvaux deutlich gemacht, als er die Ungeheuerlichkeiten der Bildwerke in seinen Schriften attackierte, in seiner detaillierten Schilderung der dargestellten Monstrositäten aber selber ihrer Imaginationskraft erlag.

Für die Ambivalenz dieser Darstellungen, die nach seiner Überzeugung als unnützer Prunk vom richtigen Weg ablenkten, benutzte er den Begriff der „schönen Unschönheit“ (formosa deformitas). Was er dem gesprochenen und geschriebenen Wort an Kunstfertigkeit und Ausschmückung gestattete, sollte dem Bild verwehrt bleiben. Bis zur Gegenwart trennen immer nur wenige Schritte die Bildkritik vom Bildersturm.

Auch im Prozess der Überlieferung, d.h. der Erhaltung oder Zerstörung von Kulturdokumenten, spielt die Barbarei im Gewand von Macht und Unterdrückung eine zentrale Rolle. Nach Walter Benjamin sind die Kulturgüter die Beute, die die Sieger im Triumphzug mitführen.

Neben Krieg und Zerstörung bestimmen deshalb die Sieger den Selektionsprozess und die kulturelle Überlieferung wesentlich mit. Der Blick zurück offenbart deshalb nicht nur Glanz, sondern auch tiefe Schatten und blutende Wunden. Das aktuelle Unbehagen an unserem kulturellen Erbe ist deshalb kein neues Phänomen, sondern Bestandteil der kulturellen Überlieferung selbst, der wir nicht entkommen und die wir nicht ungeschehen machen können.


Erinnerung und Versöhnung

Denkmäler wie Dani Karavans Straße der Menschrechte oder sein dem Gedächtnis an Walter Benjamin und zugleich dem Gedächtnis an die vielen namenlosen Emigranten der 1930er und 1940er Jahre gewidmetes Denkmal im katalanischen Portbou wecken schmerzvolle Erinnerungen, setzen zugleich aber auch Zeichen der Versöhnung und Hoffnung. Am Friedhof von Portbou führen siebzig schmale Stufen in einem schmalen Korridor aus Stahl haltlos in den Abgrund des unter den Felsen schäumenden Meeres, während fünf Treppen oberhalb des Friedhofs die Schritte zu einem knorrigen Olivenbaum lenken, der Frieden, Leben und Liebe verkörpert.

Die historische Erinnerung verbindet die Straße der Menschenrechte mit dem Germanischen Nationalmuseum, das dieses Kunstwerk im Zuge seiner Erweiterung 1988 in Auftrag gegeben hat.

Als kulturelles Gedächtnis des deutschen Sprachraums bewahrt und erforscht das Germanische Nationalmuseum das europäische Kulturerbe in seiner ganzen Ambivalenz: So ist der älteste erhaltene Globus der Welt nicht nur ein Denkmal für menschliche Neugier und Entdeckergeist, sondern ruft auch die von Europa ausgehende Globalisierung und Kolonialisierung und die damit verbundene Unterdrückung und Ausbeutung in Erinnerung.

Dani Karavans Straße der Menschenrechte ist ein öffentlicher Gedenkort zur Erinnerung und Vergewisserung der alltäglich bedrohten und missachteten Menschenrechte, ein Ort der Begegnung und des Dialogs und schließlich auch ein Dokument der Versöhnung und der Hoffnung: 2018 ist der israelische Künstler zum Ehrenbürger ausgerechnet jener Stadt geworden, die wie kaum eine andere die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, aber zugleich auch die kritische Auseinandersetzung mit dessen Erbe verkörperte.

Dani Karavans Denkmäler klagen nicht an, sondern machen das Gedenken öffentlich, holen die Erinnerung auf die Straße und geben ihr einen Platz inmitten der Gesellschaft, im öffentlichen Innen- und Außenraum. Mit einem untrüglichen Gespür für die geeigneten Orte spricht Dani Karavan in der Verbindung von Kunstwerk und Denkmal, von natürlicher Umgebung und künstlerischer Intervention nicht nur eine Kunst- und Bildungselite, sondern alle Menschen an. Seine künstlerisch architektonischen Bildwerke bzw. begehbaren Installationen arbeiten nicht nur gegen das Vergessen, sondern führen zum Nachdenken und zum Dialog, setzen auf Hoffnung und stiften Versöhnung.

Seine Werke müssen so wirken, als seien sie schon immer dagewesen, sagt Dani Karavan im Vorwort zu seiner Retrospektive 2008. Und in der Tat, wer kann sich die Kartäusergasse anders vorstellen als in der Gestalt der Straße der Menschenrechte?

Am 29. Mai 2021 ist Dani Karavan im Alter von 90 Jahren in Tel Aviv gestorben: An ihn und seine großartigen Denkmale erinnert die Stadt Nürnberg im Rahmen eines Gedenktags am Sonntag, 24. Oktober 2021.


Lesetipp
Interview mit Dani Karavan, anlässlich der Ernennung zum Ehrenbürger der Stadt Nürnberg 2018


Kategorie: Kolumne |

Schlagworte: 20. Jahrhundert | Kulturgeschichte | Menschenrechte |

Prof. Dr. Daniel Hess, Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums

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