Umzug ins Tiefdepot

Umzug ins Tiefdepot

Florian Kutzer, Birgit Schübel, Meike Wolters-Rosbach | 16.09.2022


Kultur(geschichte) braucht Platz


Das Germanische Nationalmuseum beherbergt einen Schatz von ca. 1,44 Mio. Objekten. Wie in vielen anderen großen Museen, ist davon nur ein Bruchteil zu sehen. Museen mit großen Beständen wie das GNM stellen durchschnittlich nur 2% ihrer Objekte aus. Der weitaus größere Teil der stetig wachsenden Sammlungsbestände lagert in Depots.

Diese Räume sind keineswegs Abstellkammern für altes, unansehnliches Kunstgut, sondern beherbergen unzählige Kostbarkeiten und sind das materielle Gedächtnis, das auch kommenden Generationen zur Verfügung stehen soll. Darunter sind unter anderem sehr empfindliche Kulturgüter, deren dauerhafte Ausstellung zu irreparablen Schäden und somit auf lange Sicht zur Zerstörung der Objekte führen kann.

So dient das Depot zum einen als Ort zur nachhaltigen Kunst- und Kultursicherung und zum anderen als Wissensspeicher, aus dem sich die Forschung, die Dauer- und Sonderausstellungen und auch Leihanfragen für Präsentationen speisen.

Nach den letzten Erweiterungsmaßnahmen im Jahre 1992 verfügt das Germanische Nationalmuseum derzeit über ca. 7.500 qm Depotfläche. Die Auslastung der Fläche ist mittlerweile an ihre Grenzen gestoßen. Ausreichende und den besonderen Bedingungen von Objektlagerung angepasste Depotflächen sind zudem auch die Voraussetzung für Sanierungsmaßnahmen der Bauten wie auch der in die Jahre gekommenen Dauerausstellungen des Museums.

Ein denkmalgeschütztes Architekturensemble aus dem 14. bis 20. Jahrhundert beherbergt die Sammlung des Germanischen Nationalmuseums: Bauliche Sanierungen gehören demzufolge zu den Kernaufgaben des Museums. Mit der Beauftragung von David Chipperfield Architects Berlin im Jahre 2022 beginnt ein weiterer großer Bauabschnitt, der eine Ausstellungsfläche von ca. 5.500 qm umfasst.

Im Zuge der baulichen Sanierung ist auch eine sammlungsübergreifende Neukonzeption der dort beheimateten Dauerausstellung vorgesehen. Die Folge ist, dass die hier gezeigten und aufbewahrten ca. 70.000 Objekte aus den Bereichen Volkskunde, Textil und Musikinstrumente sowie 19. Jahrhundert vorübergehend sicher unterzubringen sind.

 


Wohin damit? Ein neuer Platz für alte Dinge

In den letzten Jahren entstanden einige spektakuläre Depotneubauten wie das Zentraldepot der Tiroler Landesmuseen in Hall in Tirol oder das im November 2021 in Betrieb genommene Depot des Museums Boijmans Van Beuningen in Rotterdam, das wegen seiner Form und Dachbegrünung im Volksmund auch als „Salatschüssel“ bezeichnet wird.

Auch der Louvre baute ein neues Depot in Nordfrankreich, ca. 200 km von Paris entfernt. Diese Depots stehen, oftmals weit entfernt von den Museen, als Gebäude für sich. Die Anfahrt und der Betrieb sind mit entsprechend großem Aufwand verbunden. Eine andere Lösung ergab sich im GNM.

Nach Abwägung möglicher Alternativen entschloss sich das Museum, unter dem mittelalterlichen großen Klosterhof ein unterirdisches Depotgebäude zu errichten und direkt mit den Bestandsgebäuden zu verbinden. Die Idee des Tiefdepots war geboren, 2014 begannen die Bauarbeiten.


Die Architektur des Tiefdepots

Wegen der unmittelbaren Nähe zu den Bestandsgebäuden errichtete man das 5-geschossige Bauwerk in der sog. Deckelbauweise. Dabei wurde zunächst eine Bohrpfahlwand aus 186 überschnittenen, 26 m langen Betonbohrpfählen erstellt. Allein das dafür benötigte Bohrgerät hatte eine Höhe von 33 m und wog 130 Tonnen.

Beginnend mit der obersten Decke, zog man von oben nach unten bis zu einer Tiefe von 21 m unter der Erdoberfläche, die weiteren Geschoßdecken ein.

Oberirdisch treten nur der Aufzug, die Haupttreppe und einige Schachtdeckel in Erscheinung.

Die unterirdische Lage bedeutet zwar einen erhöhten Aufwand bei der Bauerstellung, hat aber entscheidende Vorteile für den Betrieb. So ist der Heizenergiebedarf äußerst gering, da die Umgebungstemperatur im Grundwasser bei relativ konstanten 16-18 Grad Celsius liegt. Außerdem sind die Sammlungsbestände jederzeit auf kurzem Weg erreichbar.

Gegenstände aus allen erdenklichen Materialien, mit unterschiedlichen Funktionen und Alter sowie Erhaltungszustand, jeder Größe und Herkunft erhalten dann zukünftig einen neuen Lagerungsort in der Tiefe. Die Sammlungen umfassen u.a. Keramik, Porzellan, Glas, Textil, Metall, Papier, Wachs- und Holzobjekte, wie Hobel, Spinnräder und diverse Möbel, aber auch Zinnfiguren, Gemälde, Krippenfiguren, Kleidung und Gewebe aus unterschiedlichen Jahrhunderten sowie Posaunen, Violinen bis zum Flügel.


Alles unter einem Hut! Effiziente Nutzung der Depotkapazität

Kompaktanlagen für die jeweiligen Tiefdepotgeschosse gewährleisten eine effiziente Nutzung der Depotkapazitäten. Um die nötige Anzahl an Regalen, Schubläden und Hängegittern zu ermitteln, wurden Dauerausstellung sowie Depoträume im zu sanierenden Bau hinsichtlich der Menge und Größe der Objekte gesichtet.

Wie hoch ist der Platzbedarf kleiner Exponate wie Fingerhüte oder Amulette, oder auch von großen Stücken wie der Guillotine aus dem 19. Jahrhundert oder einem Leiterwagen.

Die Depoträume werden mit einer auf Schienen verschiebbaren Regalanlage ausgestattet.

So erfolgt zum Beispiel die Lagerung großer Objekte in Weitspannregalen oder auf Podesten. Bilder mit Rahmen werden an Gitterwänden und kleine Objekte in Schubläden oder Regalfächern aufbewahrt.

Für schadhafte oder besonders fragile Gegenstände und Materialien sind Sonderlagerungen vorgesehen: beispielsweise Gläser, Figuren mit fragilen Malschichten oder hängend zu lagernde Objekte wie Geigen finden ihren Platz in einem festgestellten Regal.

Individuell angefertigte Stützkonstruktionen sichern instabil stehende Objekte. Für die Lagerung von Objekten aus Fell und Leder ist ein Kälteraum zur Schädlingsprävention in Planung.

Im Tiefdepot gibt es verschiedene Klimazonen, um den konservatorischen Anforderungen verschiedener Materialien zu entsprechen. So werden Dinge aus Metall oder Keramik im 2. Untergeschoss unterkommen, da dort eine geringere Luftfeuchtigkeit vorherrscht. Materialien aus Holz, Textil oder Elfenbein werden in die Untergeschosse drei und vier mit einer relativen Feuchte von 49 % umziehen.  


Gesichtet, verzeichnet, verpackt

Bis jedoch das erste Exponat an seinem neuen Platz steht, sind zahlreiche vorbereitende Arbeiten notwendig. Umzugsberichte und der Erfahrungsaustausch mit  Kollegen anderer Museen, wie dem Römisch-Germanisches Zentralmuseum in Mainz oder dem Ethnologischen Museum Berlin sowie ein Besuch in anderen erst kürzlich neu eingerichteten Depots, wie von den Tiroler Landesmuseen in Hall in Tirol, boten den ersten Einstieg in die umfangreiche Aufgabe.

Sämtliche Exponate werden von unseren Restaurator*innen und Sammlungsleiter*innen erst einmal gesichtet.

Die Inventarnummer jedes Objektes, der eindeutige und unveränderbare Schlüssel zur Identifizierung eines jeden Kunstwerks, wird überprüft und in einer Umzugs-Datenbank erfasst. Der digitale Eintrag verzeichnet neben den üblichen Objektdaten mit kurzer Beschreibung, Maßen und Materialangaben auch den jeweiligen Standort sowie einen Vermerk zum Erhaltungszustand. Vermerkt werden überdies Angaben zur Lagerung und zum Verpackungsmaterial, das oftmals vom Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts stammt. Aufheben oder entsorgen – ist hier eine knifflige Entscheidung.

Nicht alle Objekte bekommen eine Verpackung. Sortiert nach Materialien und Größe erhalten sie ihren Platz in den Regalen der Kompaktanlage oder stehen auf Paletten. Ist jedoch eine Verpackung aus Sicherungsgründen notwendig, so wird diese sorgfältig ausgewählt. Als Verpackungsmaterialien kommen u.a. Schachteln aus säurefreiem Karton, Seidenpapier, Ethafoam – ein weichmacherfreier und chemisch inerter Schaumstoff - zur Anwendung, die unter Berücksichtigung der Unbedenklichkeit an Schadstoffen, aber auch Nachhaltigkeit ausgewählt werden.


Spezielle Kandidaten – Sicherung und Verpackung empfindlicher Objekte
 

Eine große Herausforderung stellte die Räumung der 324 Teile umfassenden Tiroler Krippe aus der Sammlung Volksfrömmigkeit dar:

Die fragilen Figuren bedurften einer speziellen Sicherung. Über mehrere Wochen hinweg holten die Restauratorinnen die feingliedrigen Figuren aus der großen Wandvitrine, reinigten sie vom Staub und festigten lose Teile. Anschließend wurden sie mit Schlaufen auf einer Schaumstoff-Unterlage befestigt, um ein Verrutschen zu verhindern und dann in Kartons verpackt.

Auch die zartgliedrigen Brautkronen erhielten zur stabilen Aufbewahrung als Stütze einzeln angefertigte Kissen.


Ein Riesengemälde zieht um - Logistikplanung und Transport

Ein Umzug von tausenden von Exponaten stellt für das Museum eine große Herausforderung dar. In unserem Fall stellt sich die Frage, wie lotsen wir 70.000 Objekte von ihren alten Standorten aus vier Etagen und zwei Gebäudeteilen über diverse Treppen und Fahrstühle in das neue Depot. Dazu bedarf es einer gut geplanten Logistik. Staus vor den Fahrstühlen gilt es im Vorfeld zu vermeiden. Die Exponate werden mit speziell für museale Zwecke ausgestatteten Transportwägen an ihren neuen Standort gebracht.

Eine besondere Herangehensweise stellen großformatige Objekte dar: Für die Umlagerung des 4 x 7 m großen Gemäldes Amazonenschlacht von Ludwig Feuerbach aus dem Obergeschoss des südwestlichen Bestandsgebäudes aus der Sammlung 19. Jahrhundert, werden die Steinskulpturen des Geländers der Würzburger Treppe abmontiert und dann das eingerollte Gemälde im Treppenhaus abgeseilt.

Aufgrund der Dimensionen wird ein Teil des Transportweges unter freiem Himmel erfolgen. So sind wir für die Umlagerung nicht nur auf die Mitwirkung der Handwerker*innen, Restaurator*innen, Transportdienst und Spedition angewiesen, sondern auch auf gutes Wetter.


Musikinstrumente auf dem Weg in die Tiefe

Eine weitere logistische Aufgabe stellen die über neunzig Tasteninstrumente der Dauerausstellung Musikinstrumente dar . Wer schon einmal mit einem Klavier umgezogen ist, weiß wie aufregend und schweißtreibend das ist. Der Transport der Flügel erfolgt hochkant. Dafür müssen Beine und Pedalanlage abmontiert werden.

Für die Umlagerung der schweren Instrumente lassen wir uns von einem Klaviertransportunternehmen unterstützen. Ein temporärer Durchgang von der Musiksammlung zum Lastenaufzug im Klosterhof wird für die Transporteure den Weg in die Tiefe erheblich abkürzen.

Im Tiefdepot erfolgt die Lagerung eines Großteils der Tasteninstrumente in Regalen auf mehreren Ebenen. Dafür ziehen sie ins vierte Untergeschoss, der Depotetage mit der höchsten Raumhöhe von 3,50 m. Die schweren und sensiblen Objekte werden mit einem Spezial-Gabelstapler in die Regale platziert, um einem Teil der weltweit bedeutendsten Sammlung historischer Tasteninstrumente für einige Jahre ein neues und sicheres Zuhause zu bieten.

Die Liste der Herausforderungen ließe sich noch lange fortsetzen. So ziehen wir neben vielen weiteren Exponaten auch Schränke, Himmelbetten und Truhen in allen Größen um, aber auch Trachtenfigurinen und große bäuerliche Geräte müssen ins Tiefdepot verbracht werden.


Früher war nicht alles besser   

Der Umzug des Kulturguts aus den alten Depots des Bestandbaus konfrontiert alle Beteiligten mit einer besonderen Problematik. Vor einigen Jahrzehnten wurden auch in Museen zum Schutz vor Schädlingen Biozide wie DDT oder Xylamon eingesetzt, die sich jetzt in den Stäuben der Depoträume wiederfinden. Auch bei der Herstellung einiger Objekte fanden giftige Schadstoffe Anwendung, die heute noch im Material enthalten sind. So setzte man beispielsweise im 18. und 19. Jahrhundert bei der Hutherstellung Quecksilber beim Haare filzen ein. An einigen Exponaten sind arsenhaltige Pigmente nachgewiesen, die zum Färben von Stoffen oder zum Bemalen von Holzfiguren hergenommen wurden.

Eine umfassende Raumluft-, Staub- und Materialanalyse in den Depoträumen gibt einen Überblick der Gefahrstoffe und Schadstoffquellen. Derzeit befinden wir uns in der Planung und Konzeption dieser technischen, organisatorischen und persönlichen Schutzmaßnahmen. Um sämtliche Beteiligte des Umzuges zu schützen und eine Verschleppung der Schadstoffe in das neue Depot zu vermeiden, gibt es einen genauen Hygiene- und Ablaufplan.

Mit persönlicher Schutzausrüstung – mit Maske, Anzug und Handschuhen – werden die Objekte unter umfassenden technischen Schutzmaßnahmen bearbeitet. So werden sämtliche Exponate in technisch belüfteten Kabinen mit Unterdruckhaltung und Verbindungsschleusen, im sogenannten Schwarz-Weiß-Bereich, gereinigt und für den Transport vorbereitet.


Unerwünschte Untermieter

Heute werden zur Bekämpfung von Museumsschädlingen ungiftige Verfahren eingesetzt. Unerwünschte Insekten im Museum sind zum Beispiel Holzwürmer, Motten oder Silberfischchen. Sie sind klein und schnell zu übersehen, können aber enorme Schäden anrichten.

Ein hochwirksames Verfahren gegen Schadinsekten ohne Einsatz von Pestiziden ist die Behandlung der Kunstobjekte mit Stickstoff. Vor allem Textilien werden nur allzu gern von Motten heimgesucht. Neben der Kleidung gehören dazu auch Möbel mit Polsterung, Spinnrocken mit Flachs wie auch sämtliche Tasteninstrumente, deren Hammer- oder Dämpferfilze gerne von Mottenlarven angefressen werden. Damit keine Motte in das neue Depot als ungebetener Gast mit umzieht, werden diese Objekte präventiv einer Stickstoff-Behandlung unterzogen. Dazu wird im ersten Untergeschoss des Tiefdepots ein großes Stickstoffzelt aufgebaut, in dem sämtliche textilen Gegenstände über sechs Wochen mit Stickstoff behandelt werden, bevor sie dann ihren endgültigen Lagerplatz einnehmen.

Der Umzug in das neue Tiefdepot wird voraussichtlich im zweiten Quartal 2023 beginnen. Bis zum Start der Sanierung der Gebäude Anfang 2025, die bis dahin für die anstehenden Bauarbeiten leergeräumt sein müssen, gibt es für alle Beteiligten noch viel zu tun.


Kategorie: Museumsleben |

Schlagworte: 21. Jahrhundert | Museum |

Florian Kutzer, Birgit Schübel, Meike Wolters-Rosbach,

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