Kreuzwegstation von Adam Kraft im Nürnberger St.Johannis (Foto: Autor)

Von Rom nach Nürnberg: Tucher-Fellow

Von Rom nach Nürnberg: Tucher-Fellow

Florian Abe M.A. | 23.08.2021

Markus Huber, Andrea Langer
Herr Abe, seit dem 1. Juni 2021 forschen Sie für ein halbes Jahr als Stipendiat des Tucher-Fellowship am GNM. Sie beschäftigen sich im Rahmen Ihres Promotionsvorhabens mit dem Thema „‘Die geystlich Straß‘ – Kreuzweganlagen des Spätmittelalters als immersive Ensembles urbaner Heilsvermittlung“. Können Sie uns mehr dazu verraten?

Florian Abe
In meiner Doktorarbeit richte ich einen vergleichenden Blick auf Kreuzweganlagen des Spätmittelalters. Diese Wege sollten Gläubigen den Kreuzweg Christi in Jerusalem auch in der Heimat erfahrbar machen, buchstäblich indem man diesen – von Station zu Station – nachgehen konnte. Auch in Jerusalem gedachte man den in der Bibel beschriebenen Episoden der Leiden Christi: an den Stationen der Via Dolorosa.

Dazu wurden in den Anlagen verschiedene künstlerische Medien eingesetzt. Steinreliefs und Skulpturengruppen zeigten Szenen der Passion, Architekturen zeigten die Orte, an denen sie stattfanden bzw. an denen ihrer im Heiligen Land gedacht wurde.

Das Besondere ist, dass die Entfernung zwischen den einzelnen Stationen des Kreuzweges genau denen in Jerusalem entsprach. Diese exakte Wiederholung spielte für die europäischen Anlagen und die Andacht eine große Rolle.


Kopien der Kreuzwegstationen von Adam Kraft in Nürnberg (Fotos: Albin Oberhofer)

Kreuzwegstation Burgschmietstraße

Kreuzwegstation Weigelstraße

Kreuzwegstation vor Kunstgießerei Lenz

Kreuzwegstation Campestraße

Zugleich demonstrierten einzelne Stifter*innen oder Gemeinden damit, dass sie im Besitz des kostbaren Wissens um die Heiligen Stätten in Jerusalem waren, was ihnen zu Ansehen verhalf. Die Kreuzweganlagen überbrückten damit die Ferne zwischen der Heimat und dem Heiligen Land. Sie überbrückten aber auch die Gegenwart der Menschen im Spätmittelalter und die biblische Vergangenheit, in dem sie die Ereignisse buchstäblich vergegenwärtigten.

Meine Forschung befasst sich mit den Fragen wie in den Kreuzweganlagen diese Vermittlung zwischen Nähe und Ferne künstlerisch umgesetzt wurde, und wie die Menschen die Anlagen konkret nutzten. Bisher sind diese Fragen nur zum Teil und nur mit Blick auf einige wenige Kreuzweganlagen gestellt worden.

Meine Arbeit richtet erstmals einen vergleichenden Blick auf die spätmittelalterlichen Kreuzweganlagen und setzt sie in Verbindung zu anderen Phänomenen dieser Zeit. Hierzu zählen etwa die Sacri Monti (‘Heilige Berge’) – die Nachbildungen der Heiligen Stätten in den Bergen Norditaliens – oder die sogenannten „geistigen Pilgerfahrten“, bei denen Menschen mit Hilfe von Büchern nur im Geiste ins Heilige Land reisten.

Das Tucher-Fellowship erlaubt mir, meine Forschung in diesem halben Jahr direkt an den Objekten am GNM und in der Region zu verfolgen.

Welche Exponate und Sammlungsbestände des GNM sind für Ihre Arbeit von besonderer Bedeutung?
 
Im Zentrum meiner Arbeit am GNM stehen die sieben Stationsreliefs des Nürnberger Kreuzweges von Adam Kraft. Sie befinden sich in der Kartäuserkirche, im Herzen des Museums. An den ursprünglichen Aufstellungsorten in der Stadt sind sie durch Kopien ersetzt. In der heutigen, musealen Präsentationsform allein lassen sich der damalige Zustand und der räumliche Zusammenhang also nur bedingt nachvollziehen.

Hier liegt eine echte Herausforderung für die Museen hinsichtlich der Vermittlung mittelalterlicher Kreuzwege: Zum einen sind nicht alle Teile der Anlagen mobil, etwa die Architekturen. Zum anderen verlieren Einzelteile wie Stationsreliefs beim Herauslösen ihren räumlichen Kontext. Eine wichtige Rolle spielte aber gerade das Zusammenwirken der verschiedenen Elemente – miteinander, mit der (vor)städtischen Umgebung und sogar mit der Landschaft. Dabei kam es auch auf präzise Distanzen an, die im Museum für die Besucher*innen nicht direkt erfahrbar gemacht werden können.

Die wechselvolle Geschichte der Nürnberger Stationsreliefs in den letzten 500 Jahren – mit Restaurierungen, Ergänzungen und räumlichen Veränderungen – ist dank der Ausstellung Adam Kraft. Der Kreuzweg jedoch gut aufgearbeitet. Für andere Anlagen, auch in Franken, steht diese Arbeit noch aus.

Darüber hinaus arbeite ich mit den historischen Beständen der Bibliothek. Das GNM besitzt mit dem 1521 erschienen Andachtsbuch Die geystlich Straß eine Art Anleitung zur Begehung von Kreuzweganlagen. Interessanterweise diente es zugleich als Instruktion zur Errichtung neuer Anlagen. Zum Bestand gehören auch drei frühe Ausgaben des wichtigen Pilgerberichts Peregrinatio in Terram Sanctam von Bernhard von Breydenbach.

Sie sind mit Holzschnitten des Künstlers Erhard Reuwich illustriert und vermittelten damit den Leser*innen einen umfangreichen Eindruck von Lage und Aussehen der Heiligen Stätten.

Auch andere Bilder, die Jerusalem darstellen, sind für meine Untersuchung wichtig. Hierzu zählt etwa das Epitaph der Adelheid Tucher, heute im Museum Tucherschloss, das eine detailreiche Stadtlandschaft Jerusalems zeigt. Eine ähnliche Darstellung findet sich in der Grablegungsnische der Holzschuherkapelle auf dem Johannisfriedhof, die zum Nürnberger Kreuzweg gehört. Dies unterstreicht, dass in den Anlagen diverse Medien bewusst zum Einsatz kamen, um Besucher*innen einen umfassenden Eindruck der Passion Christi und des Heiligen Landes zu vermitteln.

Sie erforschen das Mittelalter. Warum ist diese Epoche für uns Menschen des 21. Jahrhunderts noch immer interessant, was ist das Faszinierende?
 

Für mich gibt es gerade im Spätmittelalter zwei Pole: Zum einen fasziniert das grundsätzlich Andere dieser Zeit, zum anderen das unerwartet Vertraute. Die Figuren Jan van Eycks etwa haben bis heute eine fast physische Präsenz, die ihre Entstehungszeit direkt an unsere Gegenwart heranrückt. Hingegen wirken manche Auswüchse des Ablasswesens, also die Vorstellung, sich eine Verkürzung der Zeit im Fegefeuer erkaufen zu können, aus heutiger Sicht vielleicht eher befremdlich.

Mich beschäftigen in meiner Arbeit aber auch ganz grundsätzliche Fragen, die sich mit Objekten aus allen Zeiten verknüpfen. Etwa, welche Strategien entwickeln Menschen, um ferne Orte und vergangene Ereignisse in ihrer Gegenwart erfahrbar zu machen oder lebendig zu halten? Wie werden durch Medien „Realitäten“ oder auch Fiktionen geschaffen? Wie lässt sich die Intensität von Erlebnissen durch Medien steigern oder überhaupt erst erzeugen?

Bei den Kreuzweganlagen etwa gibt es zum Teil eine regelrechte Dramaturgie der Medien entlang des Weges, vom mehr oder weniger zweidimensionalen Stationsbild über die dreidimensionalen Skulpturen der Kreuzigungsgruppen hin zu den gebauten Räumen der Heilig-Grab-Kopien.

So wurden die Besucher*innen sukzessive in das Passionsgeschehen hineingezogen. Hinter all diesen Fragen stehen also Bedürfnisse und Phänomene, die uns wohl allen vertraut sind und die damals genauso aktuell waren.

Die Beschäftigung mit der Vergangenheit schafft dabei auch eine Distanz zur eigenen Gegenwart und setzt sie in eine Perspektive. Auch, wenn im 15. Jahrhundert nicht immer die gleichen Begriffe verwendet wurden, bewegten Themen wie religiöser Fundamentalismus, Kolonialismus, Kapitalismus, Umweltzerstörung und Medienrevolutionen, die uns heute beinahe täglich konfrontieren, auch schon die Menschen im 15. Jahrhundert. Als Kunsthistoriker interessiert mich dabei besonders die Rolle von Objekten. Oft gelingt mit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit dabei auch eine neue Einstellung zur eigenen Gegenwart.

Was haben Sie gemacht, bevor Sie Tucher-Stipendiat wurden und wie geht’s nach Ihrer Zeit am GNM weiter?

Ich studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie, Englische Philologie und Bildende Kunst in Berlin und Greifswald und schloss 2019 mein Studium an der Freien Universität Berlin ab. Dort habe ich dann auch meine Promotion bei Prof. Dr. Christian Freigang begonnen.

In meiner Masterarbeit beschäftigte ich mich mit einem Gemälde des niederländischen Künstlers Pieter Bruegel, in der Bachelorarbeit mit Raumkonzepten und -theorien in der Architektur der Moderne. Heute profitiere ich von den Zugängen zu den verschiedenen Objektgattungen, Theorien und Methoden, die ich mir in diesen Forschungsarbeiten aneignen konnte, obwohl beide auf den ersten Blick vielleicht wenig mit meinem Promotionsthema zu tun haben. Kreuzweganlagen sind eben enorm vielfältig. Um sie zu untersuchen, verwende ich Methoden aus all diesen verschiedenen Bereichen.

Seit Ende 2019 bin ich zudem Doktorand an der Bibliotheca Hertziana – Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte in Rom. Im Dezember kehre ich nach Italien zurück und schreibe an meiner Dissertation weiter. Für die Zeit nach der Promotion kann ich mir verschiedene Wege vorstellen. Ich bleibe auf jeden Fall neugierig.

Florian Abe M.A., Tucher-Fellow am Germanischen Nationalmuseum

Weitere Beiträge anzeigen...

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar schreiben:

* Diese Angaben sind erforderlich.

GNM_Blog abonnieren

Jetzt abonnieren
GNM_kids