Albrecht Dürer: Nemesis (Das große Glück), um 1501 (Foto: Monika Runge)

Dürer und das Schicksal

Dürer und das Schicksal

Marie-Therese Feist M.A. | GASTAUTOR: Dr. Thomas Eser | 12.08.2021

Die Sonderausstellung Zeichen der Zukunft thematisiert ein Phänomen, das kulturübergreifend und quer durch die Geschichte zu beobachten ist: Menschen vertrauen auf Wahrsagung, weil sie das Bedürfnis haben, das Kommende zu erfahren, vielleicht sogar, dem Lauf der Dinge auf die Schliche zu kommen. Beinahe genauso alt wie die Wahrsagung selbst sind die Gedanken darüber, welche Mächte die Fäden der Zukunft in der Hand halten. Welche Möglichkeit haben Menschen, ihr Schicksal selbst zu lenken? Reflektionen darüber finden sich nicht nur in Schriften, sondern auch in Werken der bildenden Kunst.   

Albrecht Dürer wirkte in einer Zeit, in der die Angst vor dem Weltuntergang die Menschen bewegte und die europäische Astrologie einen vorläufigen Höhepunkt erlangte. Gründe genug für Dürer, den Themen um Zukunft, Glück und Schicksal schon in seinem Frühwerk einen wichtigen Platz einzuräumen. Wie nähert er sich dem Thema des Schicksals? Und wie steht es um Dürers Position zu wahrsagenden Methoden und zur Astrologie?

Marie-Therese Feist
Der Geburtszeitpunkt Albrecht Dürers ist gut dokumentiert – eine wichtige Voraussetzung für die Berechnung von Horoskopen. Für Dürer sind mehrere Horoskope bekannt, zum Beispiel in der berühmten Horoskop-Sammlung des italienischen Astrologen Lucas Gauricus. Für heutige Betrachter*innen ist dies vielleicht überraschend. Wie steht es um Dürers Einschätzung der Sterndeuterei? Haben wir es mit einem astrologiegläubigen, gar abergläubischen Menschen zu tun? Und wie ist dies im Kontext der Zeit zu betrachten?

Thomas Eser
Im Grunde ist die Astrologie zu Dürers Zeit eine Hilfswissenschaft, die der Lebensorientierung dient. Horoskope waren tatsächlich etwas ganz Alltägliches, und gerade in der Nürnberger „High Society“ ganz normal. Humanisten haben sich hobbymäßig gegenseitig Horoskope erstellt und sich dann durchaus humorvoll darüber ausgetauscht. Ein Freund Dürers beispielsweise schreibt, er habe Dürers Horoskop angefertigt und dabei festgestellt, dass dieser ein guter Liebhaber sei. Umso mehr überrasche, so der Astrologe, dass er nur eine einzige Frau haben werde Horoskope sind also durchaus Anregung für unterhaltsame private Gespräche übereinander gewesen.

Für wie relevant die Zeitgenossen Dürers bestimmte Sternenkonstellationen hielten, zeigt das Flugblatt auf die Syphilis des Arztes Dietrich Ulsen von 1496, dessen Illustration Dürer zugeschrieben wird. Welche Rolle spielt hier die Sterndeutung und wie setzt Albrecht Dürer dieses Thema ins Bild?

Dieses Blatt dokumentiert ein zweites Funktionsfeld der Astrologie in der spätmittelalterlichen Gesellschaft Europas. Es geht darum, für unerwartete Ereignisse eine Erklärung zu finden. In diesem Fall handelt sich um das Aufkommen einer furchtbaren Krankheit, der Syphilis. Sie grassiert bereits etwa zehn Jahre vorher in Süditalien und taucht in Nürnberg im Jahr 1496 zum ersten Mal auf. Dieses Extrablatt soll in sehr gelehrter Form auf die Krankheit hinweisen: Der Arzt Dietrich Ulsen verfasst ein längeres Gedicht und Dürer illustriert diese „Breaking News“, zumindest schreibt man ihm die Illustration heute zu. Sie zeigt zweierlei: Zum einen einen Syphilis-Kranken mit entsprechenden Hautveränderungen am Körper. Zum anderen erblickt man darüber schwebend einen Zodiak, den Tierkreis, versehen mit der Jahreszahl 1484.

Das ist nun just das Jahr, in dem die Krankheit in Europa zum ersten Mal auftritt. Im Zodiak ist eine sehr ungewöhnliche Konjunktion von Planeten dargestellt: Jupiter und Saturn befanden sich im November 1484 gleichzeitig im Sternbild des Skorpions, das zugleich Haus des Mars ist. Nach Auslegung der Astrologie verheißt diese Konstellation Unglück und wird als Ursache für die Syphilis benannt. Dass diese Planetenstellung zur Erklärung der Krankheit herangezogen wird, erscheint uns heute abergläubisch. Aber für die Zeitgenossen Dürers handelt es sich um eine moderne und allgemein akzeptierte Anwendung der Naturdeutung.

Dieses Blatt macht also im Grunde nichts anders als eine heutige naturwissenschaftiche Publikation, die erklärt, wie es zu einer Pandemie kommt oder warum der Klimawandel stattfindet.

Diese breite Anwendung und Akzeptanz der Astrologie charakterisiert die Zeit um 1500 – gleichzeitig findet sich eine anhaltend kritische Perspektive ihr gegenüber – nicht nur von Seiten der Kirche – sondern gerade auch in humanistischen Schriften. Auch hiermit kommt Dürer in Berührung, etwa als er als junger Mann in Basel Teile von Sebastian Brants großem Werk „Narrenschiff“ illustriert. Astrologie erscheint hier als heidnischer Irrglaube, das Deuten des Horoskops als menschliche Anmaßung, als „Narretei“. Welcher Art ist die Kritik, die Dürer hier illustriert?

Das ganze Buch des „Narrenschiffs“ umfasst eine dreistellige Zahl solcher Narreteien, die immer vorgestellt werden in einem Bild, in dem ein Narr jemandem etwas einflüstert. Anschließend beschreibt ein längerer Text in Versen die jeweilige Narretei. Man kann fast sagen: Am Ende des Lesens des „Narrenschiffs“ kommt man nicht umhin, sich selber als Narr entdeckt zu haben. Somit ist das Narrenschiff auch eine Darstellung verschiedenster Gewohnheiten der Dürer-Zeit. Und eine war eben der Blick in die Sterne. Übrigens ist hier eine weitere Art der Zukunftsdeutung dargestellt: Die herumfliegenden Vögel am Himmel verweisen auf die Wahrsagekunst der Vogelschau, die Brant bzw. Dürer hier ebenfalls anklagen.

In diesem Fall verwendet Brant in der deutschen Ausgabe wörtlich das Wort Aberglaube.

Vil abergloub man yetz erdicht
Was kunfftig man an sternen sycht
Eyn yeder narr sich dar uff rycht

Die Kritik ist deutlich: Wer sich der Astrologie ergibt, wird untätig, weil er glaubt, derart fremdbestimmt zu sein, derart von außen Hinweise aufs richtige Verhalten zu bekommen, dass er gar nicht mehr selber entscheidet und nicht mehr frei ist. Mit dem grundsätzlichen Vorwurf, ihre Anhänger hörig und unselbständig zu machen, sieht sich die Astrologie von Beginn an konfrontiert. Diese Art der Kritik finden wir auch schon in Marcus Tullius Ciceros Buch von der Wahrsagung („De divinatione“ 44 v. Chr.).

Der darin enthaltene Appell, dass der Mensch im Grunde frei sein soll und sich nicht verführen lassen soll von fremden Einflüssen findet sich aber auch abseits der Astrologiekritik in einer großen Bandbreite lebensphilosophischer Literatur der Zeit. In gewisser Weise finden sich damit Ähnlichkeiten mit frühen Texten aus protestantischer Sicht, wie Martin Luthers „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (1520). Die Freiheit gilt als ein ganz großes Gut.

Dürer ist mit der Thematisierung der Astrologie in gewisser Weise Kind seiner Zeit. Sein erstes gemaltes Selbstporträt wurde oftmals biografisch im Zusammenhang mit der Verlobung mit Agnes Frey gelesen – inwiefern kann man es in Verbindung mit Schicksalsvorstellungen Dürers bringen?

Dürer ist ein Verführer, weil er uns mit vielen seinen Werken stark an seine eigene Biografie heranführt. Ernst Gombrich schreibt am Anfang seiner Geschichte der Kunst: „There is not such a thing as art, there are only artists“ – Es sind die Künstler, die uns eigentlich mehr interessieren. Die Kunstwerke sind sozusagen nur Vehikel, um das Interesse am Menschen zu wecken. Und bei Dürer spielt dies eine besondere Rolle, da er uns viele Hinweise auf sich selbst hinterlassen hat, die allerdings durchaus auch in eine interpretative Sackgasse führen können. Das Pariser Selbstbildnis etwa wurde als Liebesbeweis für seine Frau Agnes gedeutet. Lässt man dieses biografische Detail einmal außer Acht, bietet sich eine ganz lebenspraktische Interpretation an.

Dieses erste von Dürers drei gemalten Selbstbildnissen entsteht im Jahr 1493. Dürer ist 22 Jahre alt und steht am Anfang einer noch nicht absehbaren Karriere. Er weiß nicht, was aus ihm werden wird. Er will Maler werden und beherrscht dieses Handwerk schon hervorragend. Ein solches Porträt hätte in Nürnberg und weit um Nürnberg herum um 1493 niemand malen können, was die Qualität betrifft.

Dürer nimmt sich selbst zum Motiv, gibt sich eine Pflanze in die Hand. Sie kann heute botanisch einigermaßen sauber als Sternkraut identifiziert werden.
Eine Beischrift über dem Kopf lautet:

My sach die gat
Als es oben schtat

Meine Sache wird gehen, wie es oben steht. Das ist kein Motto, das aus einer antiken Zitatensammlung oder aus der Bibel stammt. Er scheint diese Art Lebensmotto selber erfunden zu haben. Dies ist ein Hinweis auf die Vorherbestimmtheit seines weiteren Lebens, das ja gerade erst anfängt, jedenfalls des Erwachsenenlebens. Es besagt: Ich vertraue in mein gottgewolltes Schicksal, wie es oben in den Sternen steht.

In Dürers druckgrafischem Frühwerk finden sich zwei besonders eindrückliche Figurationen des Schicksals: Die „Fortuna“ und die „Nemesis“, in der Rezeption oftmals auch als „Kleines Glück“ und „Großes Glück“ bezeichnet. Welche Bilder des Schicksals werden hier gezeichnet? Was ist das Besondere und Neue an den an den Bildformulierungen, die Dürer hier findet?

Druckgrafische Einzelblätter zeigten bis dahin klassische mythologische Themen, Andachtsbilder oder Heiligendarstellungen: Darstellungen lebensreflexiver Themen kommen neu auf den Markt. In den Jahren um 1500 gibt es offensichtlich viel Bereitschaft, sich mit diesen Themen zu beschäftigen: Was ist das Glück? Wie wirkt es? Was für Vor- und Nachteile hat zu viel und zu wenig Glück im Leben? Welche Kategorien von Glück und Schicksal gibt es? Wir sind bei Dürer oft darauf fixiert, dass er „geniehaft“ diese Themen aus eigener Reflexion über das Leben behandelt, aber er bedient damit auch neue Bedürfnisse des Markts.

Dürer findet zwei Kategorien, die auf unterschiedliche Arten reflektieren, wie das Glück beschaffen ist:

Die „Fortuna“ wird als verführerischer Frauenakt auf einer Kugel dargestellt. Dürer bringt damit zur Aussage, dass dieses Glück vom Zufall abhängt und wankelmütig ist. Mit der Pflanze des Sternenkrauts verweist er abermals auf das Schicksal in den Sternen.

Bei der Darstellung der „Nemesis“ betreibt Dürer nun wirklich Antikenrezeption. Er folgt damit einer wortgetreuen literarischen Vorlage von Angelo Poliziano, einem Florentiner Humanisten. Dieser beschreibt die antike Göttin „Nemesis“ als unbestechliche Hüterin des Glücks. Sie bietet jenem Menschen, der rechtschaffen handelt, im Leben Erfolg und Belohnung, dargestellt durch den Pokal in ihrer Rechten. Den bösen und liederlichen Menschen schränkt sie ein und hält dazu in der anderen Hand ein Zaumzeug. Nemesis ist im Gegensatz zur Fortuna kein wankelmütiges, kokettes Wesen mehr, sondern eine mächtige göttliche Gestalt, die im Himmel über den Wolken waltet, den Blicken der Menschen auf Erden entzogen.

Dabei ist sie aber ganz und gar profan, denn von ihr ist in der Heiligen Schrift und christlichen Heilsgeschichte nirgends die Rede. Und damit steht die „Nemesis“ auch für das humanistische Themengut, welches Dürer in seinem Frühwerk bildlich umsetzt.

Dabei hat Dürer die biblische Zukunftsdeutung ja durchaus in seinem Repertoire: In denselben Jahren wie Fortuna und Nemesis erscheint Dürers Bildband zur Apokalypse, der das menschliche Schicksal nun ganz anders zeigt. Auf 15 großformatigen Holzschnitten entfaltet Dürer die Erzählung der Offenbarung des Johannes in sehr eindrücklichen, düsteren Bildern. In welchem Spannungsverhältnis stehen diese unterschiedlichen Schicksalsdarstellungen in Dürers Werk und wie sind sie im Zeitkontext zu verstehen?

Die Apokalypse erscheint 1498 und ist im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Jahrhundertwechsel gesehen worden, wo es gewisse Ängste gab, dass irgendetwas passiert – vergleichbar mit unserem letzten Jahrtausendwechsel. Dürer bedient mit seinen prächtigen Buchillustrationen auch die damaligen Sorgen um den Weltuntergang.

Man könnte also sagen: Dürer spielt auf verschiedenen Klaviaturen dessen, was ein Bildermarkt um 1500 braucht, dem Pagan-Positiven der Glücksgöttin Nemesis – und der dystopischen, aber bibelkonformen „Zukunftsaussicht“ der Apokalypse. Eine Bibelillustration darf man um 1500 immer liefern. Vielleicht ist die Nemesis in dieser Hinsicht durchaus kritischer oder frecher. Sie formuliert den sogenannten Tun-Ergehen-Zusammenhang: Wenn du dich richtig im Leben verhältst, dann bekommst du den guten Lohn dafür.

Bei der Apokalypse ist das völlig anders. Ihr Ereignis bestimmen keine Menschen, sondern sehr viel höhere, willkürliche Mächte. Die, über die die apokalyptischen Reiter hinwegreiten, sind lediglich Opfer, ganz egal ob sie im Leben gut oder böse waren.
Natürlich kann man sagen: Dürer reflektiert wie bereits Thomas von Aquin mit solchen Blättern theologisch-philosophisch über Fragen des Schicksals, die Bestimmung und Lenkung des Menschen, sein Ausgeliefertsein. Aber seine Druckgrafik dieser Zeit ist eben auch als kluges Arbeiten für verschiedene Marktsegmente zu verstehen, die sich mit unterschiedlichem Zugang diesen Zukunfts-Themen widmen.

Wir danken Dr. Thomas Eser für das aufschlussreiche Gespräch.

Alle Aktivitäten des Germanischen Nationalmuseums anlässlich des 550. Geburtstages von Albrecht Dürer haben wir hier für Sie zusammengestellt.

 

 


Kategorie: Museumsleben |

Schlagworte: Dürer | Prophetien | Renaissance |

Marie-Therese Feist M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Weitere Beiträge anzeigen...

GASTAUTOR: Dr. Thomas Eser, Direktor der Mussen der Stadt Nürnberg

Weitere Beiträge anzeigen...

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar schreiben:

* Diese Angaben sind erforderlich.

GNM_Blog abonnieren

Jetzt abonnieren
GNM_kids