Junge Frau mit roten Haaren fotografiert begeistert mittelalterliche Gemälde im GNM

#museumpics

#museumpics

Sandra Knocke M.A. | 22.04.2022

Klick, klick, klick: in Museen gibt es viel zu sehen – und zu fotografieren! Beim Museumsbesuch werden gerne die Ausstellungsobjekte, die Architektur oder ein Selfie inmitten der Kunstwerke aufgenommen. Mit dem Smartphone sind Fotos sekunden-schnell gemacht und digital geteilt. Online findet man daher eine beeindruckende Auswahl sogenannter #museumpics, die Besucher*innen auf der ganzen Welt in Museen fotografiert haben. Auch im Germanischen Nationalmuseum knipsen die Besucher*innen zahlreiche Erinnerungsbilder und zeigen ihre Impressionen im Netz. Was macht das Museum als fotografischen Ort so interessant und was bedeutet das Fotografieren für den Museumsbesuch?


„PICS OR IT DIDN´T HAPPEN“?


Die beliebte englische Redewendung führt uns vor Augen, mit welcher Selbstver-ständlichkeit Fotografien zu unserem Alltag dazugehören. Die aus den sozialen Medien stammende Forderung nach einem Fotobeweis lässt sich scherzhaft mit „Wovon es kein Foto gibt, das ist nicht passiert“ übersetzen. Im Kern der stark pointierten Aussage wird der große Bedeutungszuwachs von Fotografien als Kommunikationsmedien deutlich. Die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung erlauben uns, Fotos in nahezu unbegrenzter Zahl aufzunehmen und zu speichern. Die Fotogalerien auf unseren Smartphones fungieren als Chroniken unseres Alltags, in denen Ereignisse, Personen und Orte gesammelt werden.

Im Kontext der Museen entstehen dabei Aufnahmen mit unterschiedlichsten Motiven. Fotografien gehören, als ständige visuelle Begleiter, zu den bestimmenden Ausdrucksmitteln des 21. Jahrhunderts. Dienten Fotos im 19. Jahrhundert der Dokumentation und Erinnerung, sind ihre Funktionen heute vielfältiger. Die digitale Verbreitung der Bilder ist inzwischen Teil des Fotografierens geworden. Die Fotos werden verschickt, geteilt und online veröffentlicht.

Beispielsweise mit dem Hashtag #GNM oder über die Standortfunktion verlinken die Besucher*innen die Fotos in den sozialen Medien, wodurch eine digitale Sammlung persönlicher Ausstellungsbilder entsteht. Durch die stetig wachsende Bildmenge lassen sich wiederkehrende fotografische Bildpraktiken erkennen, die Rückschlüsse auf die Wahrnehmungsweisen der Besucher*innen ermöglichen.

Wie wird die Präsentation der Exponate vom Publikum wahrgenommen? Welche Ausstellungsbereiche im GNM sind als Fotomotive besonders beliebt? Und welche Erwartungen und Wünschen lassen sich über die Fotografien finden? Durch die Beschäftigung mit Museumsfotografien von Besucher*innen lernen die Institutionen ihre Gäste näher kennen und können so auch Anregungen für die Ausstellungspraxis gewinnen. Im Rahmen ihrer Dissertation an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg erforscht die Autorin die fotografischen Darstellungen der sozialen Praxis des Museumsbesuchs.


MUSEEN ALS FOTOGRAFISCHE ORTE

Ein Grund für die Beliebtheit von Museumsfotos liegt sicherlich in der inszenierten Ästhetik von Museen, die mithilfe von Ausstellungsstücken interessante Geschichten erzählen. Exponate, die aus ihrem ursprünglichen Entstehungskontext herausgenommen wurden, werden mit anderen Objekten in einer neu konzipierten Ausstellungssituation zusammengebracht.

Durch die Zusammenstellung der Exponate transportiert das Museum eine eigene Erzählweise wie die ausgestellten Dinge wahrgenommen werden sollen. Es handelt sich infolgedessen um einen inszenierten Ort, der je nach thematischen Schwerpunkten und Vermittlungsinteressen eine spezifische Dramaturgie verfolgt. Die erlebnisorientierte Inszenierung ist notwendig, damit Wissenszusammenhänge zwischen den Objekten sichtbar werden. Sie bietet den Besucher*innen eine kuratierte Umgebung, in der ihre fotografischen Bedürfnisse erfüllt werden. So zum Beispiel auch in der Barockgalerie des Germanischen Nationalmuseums, in dem die prachtvolle Salonhängung von Besucher*innen besonders gerne als Szenerie für Fotografien ausgewählt wird.

Der im musealen Konzept grundlegende Inszenierungscharakter einer Ausstellung sowie die oftmals beeindruckende Architektur von Museumsbauten vermitteln eine ästhetische Grundstimmung, die das Museum als fotografischen Ort kennzeichnet. Ob die Straße der Menschenrechte, die Sep Ruf Bauten, der Kleine Klosterhof, die Kartäuserkirche oder der Kreuzgang – die einzigartige Architektur des GNM bildet bei Besucher*innen und Fotograf*innen gleichermaßen eine populäre Bildgruppe.


"BUT FIRST – LET ME TAKE A SELFIE“?

Besonders deutlich zeigt sich das in dem Trend der sogenannten Instagram-Museen. Seit 2018 etabliert sich das amerikanische Geschäftsmodell der „Pop-Up-Museums“ auch in Europa. Eines der erfolgreichsten Instagram-Museen ist das Kölner Supercandy, welches nach eigenen Angaben bereits über 90.000 Besucher*innen besuchten.

Die Made-For-Instagram-Ausstellungen bieten professionelle Fotostationen mit stylischen Kulissen, witzigen Requisiten und perfekten Aufnahmebedingungen an. So entsteht eine Art Selfie-Paradies, das losgelöst von den inhaltlichen Bedeutungen der Themenräume funktioniert.

Dem ästhetischen Prinzip von Ausstellungen folgend wird ein Ort geschaffen, an dem sich die Besucher*innen ausschließlich selbst in Szene setzen. Die Bezeichnung Instagram-„Museum“ ist sicherlich in mehrfacher Hinsicht fraglich. Der größte Unterschied zu den klassischen Museen ist dabei die Loslösung von Exponaten. Der museale Ort wird stattdessen zur bloßen Kulisse, in der die Besucher*innen Fotomotive für das persönliche Instagram-Profil finden. Um zu verstehen, wieso die Instagram-Fotolocations den Museumsbegriff als Namen gewählt haben, obwohl Ausstellungsobjekte fehlen, hilft ein Blick in die Zeit der Renaissance.


MUSEEN ALS GESPIEGELTE THEATER

Bereits seit der Renaissance wurden Museen oftmals auch als „gespiegelte Theater“ bezeichnet. Eines der berühmtesten Beispiele ist das „Gedächtnistheater“ von Giulio Camillo im 16. Jahrhundert. Seine Inszenierungen dienten als Inspiration für das erste museumstheoretische Traktat der Geschichte (Samuel Quiccheberg: Inscriptiones vel Tituli Theatri Amplissimi, 1565). Am besten stellt man sich das „Gedächtnistheater“ als eine Art Amphitheater vor.

Auf dessen Rängen präsentierte Camillo viele unterschiedliche Bilder als universalen Wissensspeicher. Dadurch wird die Kommunikationsstruktur des Theaters gespiegelt: Im Mittelpunkt der Kunstrezeption stehen die Zuschauer*innen selbst auf der Bühne und wählen frei aus, welche Exponate sie betrachten möchten. Die Ausstellung wird als Spielraum betrachtet, in dem die Besucher*innen einen eigenen Weg durch die Ausstellungsdramaturgie verfolgen.

Die Vorstellung eines „gespiegelten Theaters“ verdeutlicht, dass Besucher*innen für Museen unabdingbar sind: Ohne sie sind die Ausstellungsräume wie eine leere Bühne, erst durch ihre Blicke wird das Museum komplettiert. Hier lässt sich auch der Grundgedanke der Instagram-Museen in umgekehrter Form wiederfinden. An die Stelle der physisch-erlebbaren Präsenz einzigartiger Objekte wird ein Ort mit inhaltslosen Kulissen zur Selbstinszenierung geboten. Im Unterschied zu Made-For-Instagram-Ausstellungen begründet sich die Atmosphäre musealer Räume jedoch nicht allein in ihrer Szenografie, sondern in der spürbar wahrnehmbaren Wirkung der Exponate. Jene fast erhabene Stimmung, die oft als Aura beschrieben wird, spiegelt sich teilweise auch in den Fotografien der Besucher*innen wieder.

Allerdings erschweren die Licht- und Schutzbedingungen wie Vitrinen oftmals das Fotografieren. Insofern werden gerne große und hohe Räume, wie zum Beispiel die Lichthöfe im GNM, ausgewählt, um mithilfe von Weitläufigkeit eine fast sakrale Atmosphäre zu erzeugen. Zur Beschreibung des individuellen Eindrucks nutzen die Besucher*innen online gerne die Möglichkeit, Texte und Hashtags zu den Fotos auf Social Media zu verfassen.


"MUSEUM PHOTOGRAPHS"

In den fotografischen Darstellungen des Museumsbesuchs wird das spezifische Verhältnis zwischen Besucher*innen, Exponaten und musealem Raum visualisiert. Wer fotografiert mit welcher Bildintention im Museum? Das sind zum einen die Museen selbst, die Bildmaterial zur Bewerbung ihrer Institution und Ausstellungen anfertigen. Zum anderen widmen sich auch Fotografen wie Thomas Struth, Filip Haag oder Stefan Draschan auf eigene konzeptionelle Weise der Bildmotivik des Museumsbesuchs.

Die international renommierten Bilderserien „Museum Photographs“ und „Audience“ von Thomas Struth prägen die museale Kunstbetrachtung als fotografisches Thema maßgeblich. Struth geht in seinen beiden Zyklen der Frage nach, welche Empfindungen bei der Begegnung mit den Kunstwerken ausgelöst werden. In seinem dokumentarischen Stil fotografiert er mehrere Besucher*innen gleichzeitig und macht somit unterschiedliche Reaktionen und Emotionen während eines Museumaufenthalts sichtbar.

Bei der Werkgruppe Museum Photographs etwa, stellt Struth die Wirkungskraft der Exponate im Zentrum, ohne die Bedeutung der Betrachtenden zu übersehen. Bei seinen Fotografien der Reihe Audience hingegen verlagert Struth den Fokus vollständig auf die Kunstbetrachtung, in dem er die Besucher*innen aus der Perspektive der Kunstwerke fotografiert. Im Sinne des „gespiegelten Theaters“ versetzt er die Betrachtenden in die Rolle des Ausstellungsobjektes und macht sie selbst zum Bildmotiv. Daran anknüpfend ergibt sich die dritte und besonders umfangreiche Bildgruppe: die Fotografien der Museumsbesucher*innen.


#MUSEUMPICS: FOTOGRAFIEN DER MUSEUMSBESUCHER*INNEN


Im Mittelpunkt der Fotografien der Museumsbesucher*innen steht die Wechselbeziehung zwischen Besuchspraxis und Fotografie. So ist die fotografische Begleitung inzwischen fester Bestandteil des Museumsbesuchs geworden. Wie bei einer Ereignisdokumentation wird der Museumsbesuch selbst zum Bild und wird fotografiert, dokumentiert, inszeniert und ggf. auch digital geteilt.

Der fotografische Blick begleitet die Besucher*innen beim Erkunden und Betrachten der Exponate. Sie suchen Motive für Fotos und finden diese auch. Sie fotografieren einzelne Objekte, die Ausstellungsarchitektur und schließlich sich selbst. Auf diese Weise werden Momente des persönlichen Besuchserlebnisses bildlich festgehalten.

Betrachtet man diese Fotografien in ihrer Gesamtheit fallen wiederkehrende Motive ins Auge, die Gemeinsamkeiten in der Wahrnehmungsweise von Museen offenlegen. Die vielfältige Bandbreite der Fotografien beinhaltet spontane Schnappschüsse ebenso wie aufwendig gestaltete Bilder. Sie zeigen auf der einen Seite Aufnahmen aus dem realen Museumsalltag, auf denen manchmal auch Warteschlangen, volle Räume oder Ausstellungsbedingungen zu sehen sind.

Auf der anderen Seite werden die musealen Räume inszeniert, beispielsweise indem sich die Besucher*innen in nahezu leeren Ausstellungsräumen bewusst in Szene setzen. Vergleichbar mit der Reisefotografie wird hier eine eigene Realität geschaffen, in der man möglichst für sich allein im Museum unterwegs zu sein scheint. Auffallend hierbei sind die sich häufig wiederholender Motive. So zum Beispiel die in der Eingangshalle des GNM prominent ausgestellten Straßenschilder der Wandinstallation „Hauptstadt“ von Raffael Rheinsberg.

Das charakteristische Kunstwerk gehört zu den beliebtesten Bildmotiven der Besucher*innen. Die Begeisterung für die Installation hat sicherlich vielfältige Gründe, die sowohl kulturelle, ästhetische als auch pragmatische Interessen verfolgen. Denn neben der Faszination für das Exponat bietet die Präsentation auch ganz praktische Vorteile: Da die Straßenschilder direkt beim Eingang hängen, kommt jede*r Besucher*in zu Beginn und zum Ende des Besuchs hier vorbei. Hinzu kommen gute Lichtverhältnisse aufgrund des Glasdaches sowie die Größe des Kunstwerkes, sodass sich die Personen in Gruppen oder alleine gut davor positionieren können.

Doch unabhängig von der reinen Bildästhetik scheinen die Besucher*innen vor allem das Bedürfnis zu haben, ihre eigene Anwesenheit im musealen Raum im „Hier und Jetzt“ zu dokumentieren. Eine Bestätigung dieses Bedürfnisses zeigt sich in dem mit über 22 Millionen Posts enorm erfolgreichen Instagramhashtag #museum.


INS BILD GEBRACHTE KUNSTBETRACHTUNG

Die Fotografien, bei denen die Objekt-Besucher*innen-Beziehung im Mittelpunkt steht, ermöglichen zudem eine doppelte Betrachtungsweise: Sie zeigen sowohl das zu betrachtende Kunstwerk als auch den Vorgang des Betrachtens. Die Besucher*innen inszenieren sich im Moment der Kunstbetrachtung, in dem sie sich so vor einem Kunstwerk positionieren, dass ihr Blick direkt zum Exponat führt. Hinsichtlich dieser Bildgruppe etablieren sich konkrete Konventionen bezüglich Mimik, Gestik, Perspektiven und Bildkomposition. Durch die wiederkehrenden Inszenierungsmuster werden die Fotografien zu Repräsentationen der sozialen Rolle der Museumsbesucher*in. Die Fotografien wirken wie ein festgelegtes, routinemäßiges Bildschemata, dessen prägnantestes Beispiel das Museumsselfie ist.

Das gemeinsame Selfie zeigt die Begeisterung für das Ausstellungsstück und auch für das Museum. Dadurch, dass sich die Besucher*innen zusammen mit dem ausgewählten Exponat selbst zum Bildgegenstand machen, vergegenwärtigen und steigern sie ihre eigene Sichtbarkeit. Die Fotografien dienen als reflektierende Bühne, die neben der individuellen Selbstdarstellung auch die persönliche Verbindung zu einem Kunstwerk widerspiegeln. Erneut veranschaulichen die Aufnahmen das Bedürfnis, das unmittelbare Erleben festzuhalten und digital zu teilen.

Ein kreativerer Ansatz, der tatsächlich eine Beschäftigung mit dem Exponat voraussetzt, wird bei Fotografieren verfolgt, in denen die Besucher*innen versuchen, die Mimik oder Körperhaltung von den Kunstwerken nachzuahmen. Bildtypen wie diese ermöglichen einen künstlerischen Austausch, indem durch das Fotografieren eine intensivere Beschäftigung sowie eine Reflexion über das Exponat stattfindet. 

Mit ihren Fotografien veranschaulichen die Besucher*innen, welche Exponate aber auch welche Ausstellungspräsentationen ihnen besonders gefallen. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass nicht alle Museumsbereiche dieselben fotografischen Voraussetzungen bieten, weswegen die Museumsfotografien nicht vollständig repräsentativ zu werten sind. So gibt es beindruckende Exponate, die aufgrund der räumlichen Bedingungen, wie Vitrine oder Licht, trotz großer Begeisterung seltener oder kaum fotografiert werden. Eine Beobachtung, die auch fürs GNM zutreffend ist:

Die meisten Fotografien werden vorwiegend in den hellen, lichtdurchfluteten Räumen aufgenommen. Ein besonders gutes Beispiel bilden die Bereiche der Dauerausstellung Renaissance, Barock, Aufklärung, in denen sowohl die hochkarätigen Exponate als auch die ansprechende und fotogene Ausstellungsgestaltung mit Tageslichtdecke reizvoll für die Besucher*innen sind. Einzelne Highlights wie der Behaim-Globus oder Rembrandts Selbstbildnis fehlen, da sie im fotografischen Sinne nicht gut inszeniert sind.

Für Museen kann die Beschäftigung mit der ins Bild gebrachten Kunstbetrachtung ein Impulsgeber für digitale Teilhabe und öffentlichen Austausch darstellen. Die Fotografien machen vielfältigere Perspektiven sichtbar, die den Diskurs bereichern und die gesellschaftliche Rolle des Museums als Diskussionsort stärken können.

Sandra Knocke M.A. , Mitarbeiterin Referat Wissenschaftsmanagement und Marketing am GNM

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Kommentare

29.04.2022 | Friederike B.

Toller Artikel! | GNM_BLOG ANTWORTET: DANKE!


26.04.2022 | Heidrun Schroeder

Eine sehr schöner informativer und interessanter Artikel. | GNM_BLOG ANTWORTET: Liebe Heidrun Schroeder, wir freuen uns über Ihr Feedback, herzliche Grüße aus dem GNM


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