Karl Ruß, Jupiter liebkost Ganymed, 1810

Queer im Museum

Queer im Museum

Benjamin Rowles M.A. | 20.07.2021


Jupiter liebt Ganymed

Jupiter, der mythologische Göttervater, hatte unzählige Liebschaften. Darunter waren menschliche und göttliche Frauen, aber auch mindestens ein Mann. Er hieß Ganymed. Der trojanische Königssohn galt als Schönster unter allen Sterblichen und erweckte Jupiters Begierde.

Wie so oft setzte der Göttervater nicht auf einen geschickten Flirt, um sein Ziel zu erreichen, sondern er wendete Gewalt an. Jupiter verwandelte sich in einen Adler und entführte den jungen Mann in den Olymp, wo er fortan als göttlicher Mundschenk diente. Dies ist das Grundgerüst der Geschichte. Alle Details, aber auch die Gefühle der beiden Hauptfiguren, unterscheiden sich von Erzählung zu Erzählung.

Die Geschichte regte unzählige Autor*innen und Künstler*innen zu eigenen Versionen an. Mal standen Liebe und Zärtlichkeit im Vordergrund, mal ging es nur um Ganymeds Aufstieg in den Himmel. Mal wurde die Erzählung gar als Gleichnis eingesetzt, um reale Ereignisse zu kommentieren. Alle diese verschiedenen künstlerischen Umsetzungen finden sich in den Beständen des Germanischen Nationalmuseums. Lassen Sie sich entführen – nicht in den Olymp, sondern auf eine Entdeckungsreise rund um einen zeitlosen Mythos.


Heimliche Liebkosungen


Beginnen wir mit einem Beispiel, das nah an der antiken Erzählung bleibt. Der Kupferstich von Karl Ruß gibt einen äußerst sinnlichen Moment wieder. Die Szene spielt im Olymp, wo Ganymed bereits als Mundschenk dient. Das verraten die Kanne und der Becher in seinen Händen. Jupiter, der fast doppelt so groß wie Ganymed ist, hält dessen Kopf mit beiden Händen fest. Der Kuss, der vermutlich gleich folgen soll, kann freiwillig oder erzwungen sein – die Gesichtsausdrücke und Körpersprachen der beiden Hauptfiguren sind nicht eindeutig. Unbestreitbar ist jedoch, dass Jupiter viel größer als Ganymed ist. Die Machtverteilung ist klar, der Göttervater hält den jungen Sterblichen wie eine Puppe.

Zeus versteckt die Liebkosungen vor neugierigen Blicken, indem er seinen Mantel aufbauscht. Die Privatsphäre kann daher nur von kurzer Dauer sein. In der oberen linken Ecke des Bilds lugen schon mehrere Gottheiten aus den Wolken hervor. Vielleicht erahnen sie, was sich hinter dem Mantel abspielt, jedoch sehen sie es nicht direkt. Nur der Adler, der Jupiter begleitet und seine Blitze in den Klauen hält, kann den intimen Moment beobachten. Fast könnte man meinen, das Tier sei schockiert.

Der Künstler scheint die erotische Dimension der Geschichte zu betonen. Das Versteckspiel des Paares spiegelt möglicherweise die Tatsache wider, dass gleichgeschlechtliche Paare zur Entstehungszeit des Kupferstichs mit Scham und Ächtung leben mussten. Bei wiederholter „Sodomie“ – so lautete der strafrechtliche Begriff für gleichgeschlechtlichen Sexualverkehr – drohte im 19. Jahrhundert vielerorts das Gefängnis.

Aber vielleicht ist es auch irreführend, die Entstehungszeit des Kupferstiches als Maßstab für die Deutung zu verwenden. In den Metamorphosen des Ovid, einem äußerst populären mythologischen Text aus dem Jahr 8 unserer Zeitrechnung, können wir Folgendes erfahren:

Einst für den Phrygiersohn Ganymedes erglühte der Götter
König in Lieb', und es war nun eins, was Iupiter lieber
Wünschte zu sein als das, was er war. Doch keinen der Vögel
Würdigt er, ihm die Gestalt zu leihen, als der ihm den Blitz trägt.
Ohne Verzug durchschießend die Luft mit erborgtem Gefieder
Raubt er den ilischen Spross, der jetzt noch immer die Becher
Mischt und Nektar reichet dem Iupiter, Iuno zum Trotze.

[Ovid, Metamorphosen 10, 155–161. Übersetzung: Reinhard Suchier]

In dem letzten Satzglied, „Iuno zum Trotze“, steckt viel Subtext. Er deutet an, dass Juno, die Ehefrau Jupiters, einen echten Grund zur Eifersucht hatte, denn Ganymed war für den Göttervater mehr als nur ein Mundschenk. Der antike Satiriker Lukian wurde in seinen Göttergesprächen noch deutlicher:

GANYMED. Aber wo werd ich denn bei Nacht schlafen? Etwa bei meinem Kameraden Amor?
JUPITER. Närrchen, deswegen hab ich dich ja entführt, daß du bei mir schlafen sollst.
GANYMED. Du kannst's also nicht allein und bildest dir ein, du werdest besser schlafen können, wenn du bei mir liegst?
JUPITER. Bei einem so hübschen Knaben wie du, allerdings!
GANYMED. Was kann die Schönheit zum Schlafen helfen?
JUPITER. O sie führt etwas gar angenehm Einschläferndes bei sich und macht einen viel sanftern Schlaf!
GANYMED. Mein Vater sprach ganz anders. Er wurde immer ungehalten auf mich, wenn ich bei ihm lag und klagte des Morgens, daß ich mich immer hin- und hergewälzt und ihn gestoßen oder im Schlaf aufgeschrien, so daß er gar keine Ruhe vor mir haben können; und deswegen schickte er mich meistens zur Mutter schlafen. Wenn du mich also nur dazu geraubt hast, so kannst du mich immer wieder auf die Erde tragen; denn ich werde dir sehr überlästig sein, weil ich mich so oft umkehre.
JUPITER. Das wird mir eben das angenehmste sein, wenn ich recht viel bei dir wachen und dich nach Herzenslust küssen und drücken kann.
GANYMED. Das magst du! ich werde schlafen und dich küssen lassen.

[Lukian, Göttergespräche 4. Übersetzung: Christoph Martin Wieland.]


Ewige Jugend

Eine ganz andere Auffassung des Mythos stellte Josef Henselmann dar. Die Bronzeplastik steht seit 1968 vor dem Museum, nämlich in der Klaragasse, Ecke Grasersgasse. Henselmann wählte diesen Platz selbst aus, da ihm Farbe und Rhythmik der Fassade sehr gut als Hintergrund für sein Kunstwerk gefielen.

Ein übergroßer, stromlinienförmiger Adler trägt einen dünnen Jungen in die Höhe. Nur ein Tuch, das vorher vielleicht als Umhang diente, berührt noch den Boden. Die Füße Ganymeds schweben bereits. Der Knabe hält sich am Adler fest, zeigt aber keine Angst. Überhaupt scheint es dem Künstler weniger um die Psyche der Figuren zu gehen. Ihre Gefühle sind kaum nachzuvollziehen. Vielmehr steht die Schwerelosigkeit im Mittelpunkt.

Henselmann verwandelte Bronze, ein massives Material, in schlanke Körper und ließ es aussehen, als würden diese schweben. Als Sockel verwendete der Künstler einen Findling aus dem Fichtelgebirge. Seine spitze Form unterstreicht einerseits die Aufwärtsbewegung der Figuren. Andererseits bildet der massive Monolith einen Kontrast zu den scheinbar schwerelosen Figuren.

Laut einer Überlieferung intendierte der Künstler seinen Ganymed als Symbol für ewige Jugend. Aber wieso ewige Jugend? An dieser Stelle soll ein Teil des Mythos erklärt werden, der bisher noch keine Erwähnung fand. Manche antiken Quellen berichten, dass Jupiter den Mundschenk Ganymed als Lohn für seine Dienste in das Sternbild Wassermann verwandelte. Ganymed wurde dadurch unsterblich. Bei seiner Entführung in den Olymp war Ganymed noch jung – und das sollte er von da an auch ewig bleiben.

Darstellungen, die die Entführung Ganymeds eher vergeistigt anstatt erotisch darstellen, sind oft von der christlichen Auslegung antiker Mythen beeinflusst. Im Mittelalter sahen viele Menschen, und vor allem die Kirche, Ovids Metamorphosen als moralisch verdorben an. Dennoch las und übersetzte man sie – meist mit christlichen Kommentaren. Diese besagten, dass die christliche Heilsgeschichte auch in den antiken Mythen schon angelegt, ja womöglich sogar vorhergesagt war. Man nennt diese Art der Auslegung Präfiguration.

Die bekannteste Übersetzung mit christlichem Kommentar ist der Ovide moralisé, der im frühen 14. Jahrhundert in Frankreich entstand. Nach dessen Kommentar sei die Entführung Ganymeds eine Allegorie für Christi Himmelfahrt. Jupiter stehe für den christlichen Gott, der nach seiner Fleischwerdung wieder in den Himmel aufsteigt und Ganymed, das Fleisch, mit sich nimmt. Diese Deutung neutralisiert den homoerotischen Anteil der Geschichte völlig.


Bissige Satire

Die dritte und letzte Darstellung aus dem GNM ist politischer Natur. Sie greift ein berühmtes Gemälde von Rembrandt auf, in dem Ganymed als greinendes und vor Furcht urinierendes Kleinkind dargestellt wird. Das Gesicht auf der Karikatur gehört jedoch keinem Baby, sondern es zeigt eindeutig Napoleon III., Kaiser von Frankreich.

Neben seinem charakteristischen Bart trägt er den bekannten Dreispitz auf dem Kopf. Nicht nur die Gleichsetzung mit dem entblößten Kind sollte Napoleon demütigen, sondern auch der Reim unter dem Bild. Der französische Kaiser galt den Deutschen um 1870 als „Satanas der neuesten Zeit“, weil er eine aggressive Expansionspolitik verfolgte und Preußen den Krieg erklärte.

Der 62-jährige Kaiser hatte jedoch Probleme beim Führen des Kriegskommandos, weil ihn Blasenschmerzen plagten. Die Satire kannte kein Pardon und machte dieses intime Leiden zur Zielscheibe, indem sie das Gemälde mit dem urinierenden Kind imitierte. Der Adler, der Napoleon raubt und mit Gerechtigkeit straft, ist vermutlich der Deutsche Adler. Im September 1870 musste die französische Armee kapitulieren. Anschließend wurde die Dritte Republik ausgerufen und Napoleon abgesetzt. Zunächst stand er in Kassel unter Arrest, anschließend ging es nach England ins Exil. Dort verstarb Napoleon III. im Januar 1872 nach einer Operation. Anlass des Eingriffs: Er musste sich die Blasensteine entfernen lassen. Die Karikatur erscheint dadurch retrospektiv sogar noch bissiger als beabsichtigt.


Homoerotik und noch mehr

Abschließend können wir festhalten, dass es durchaus Fälle gab, in denen eine Liebesgeschichte zwischen Jupiter und Ganymed erzählt wurde. Jedoch war diese Liebe in manchen Interpretationen einseitig, und bisweilen gewaltsam. In anderen Fällen wurde der Mythos als Allegorie eingesetzt, um abstrakte Gedanken zu bebildern. Oder als Satire um den politischen Feind zu erniedrigen. Der Mythos verrät uns aber auch etwas über die menschliche Kultur: Gleichgeschlechtliches Begehren ist, entgegen mancher Behauptungen, keine Erfindung der Moderne.


Möchten Sie mehr erfahren? Dann laden wir Sie herzlich zu folgender Veranstaltung ein:

Queer auf Papier 
Online-Museumsgespräch am 03.08.2021 um 19:00 Uhr

Filmtipp:  Queer auf Papier. Homoerotik in der Druckgraphik


Kategorie: Perspektiven |

Schlagworte: 19. Jahrhundert | Barock | 20. Jahrhundert | Graphik | Rembrandt |

Benjamin Rowles M.A., Wissenschaftlicher Mitarbeiter

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